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Hass auf die Juden als Bereitschaft zum Opfer

Über den Antisemitismus
Von Gerhard Scheit



Die Schwäche der Juden, so hört man aus den Reihen der Hamas und der Hisbollah wie von den Geistlichen des Iran, bestehe darin, dass sie das Leben mehr als irgendwelche anderen Leute lieben und es vorziehen, nicht zu sterben. Hier tut sich bereits der ganze Abgrund des Antisemitismus auf.

Es gehört nämlich zu dessen elementaren Bestandteilen, dass die Juden als diejenigen stigmatisiert werden, die zum Opfer nicht bereit seien. Zugleich werden sie aber seit jeher als Verkörperung des sich selbst vermehrenden Geldes, des Zinses und später des internationalen Finanzkapitals imaginiert: Ihr Bild steht in der abendländischen Kultur für den abstrakten Reichtum, der sich verselbständigt und eigene Bedürfnisse weckt, die nicht befriedigt werden sollen oder können; für ein Leben also, in dem nichts geopfert werden muß.

Die christliche Religion schuf die Voraussetzungen dieses Identifikationsmechanismus: Als Jude wurde gekennzeichnet, wer das Selbstopfer von Jesus nicht anerkennen wolle. Es folgte die Säkularisierung des Judenhasses in der Phase der Nationalstaaten: Die Juden werden ideologisch ausgegrenzt, weil sie nicht wirklich zum Opfer für den Staat und die deutsche Nation bereit seien. Solchen „pathischen Projektionen“ (Adorno/Horkheimer) konnte das reale Verhalten von Jüdinnen und Juden, konnte deren Taufe und Staatsbürgerschaft, Teilnahme an Kriegen und Soldatentod, nichts anhaben: Der Antisemitismus entfaltete sich immer schon darin, nachzuweisen, dass die Jüdinnen und Juden, die sich taufen lassen und Staatsbürger werden, doch keine richtigen Christen und keine wahren Deutschen werden können. Der Antisemitismus verknüpft die Frage der Abstammung (die er mit der rassistischen Einstellung gemeinsam hat) mit der Unterstellung mangelnder Opferbereitschaft.

Christentum
Die Juden figurieren im christlichen Bewußtsein nicht nur als eine Gruppe, die das Opfer von Jesus nicht anerkennt, sondern auch als diejenige, die es herbeiführte.

Um sie als solche zu markieren, ist der Satan im Neuen Testament förmlich neu erfunden worden. Im Grunde fungiert der Teufel als Präfiguration des Rassebegriffs, da sein Wirken fortwährend auf den Körper und die Abstammung zielt. Im Johannes-Evangelium sagt Jesus zu „den Juden“: „Ihr habt den Teufel zum Vater, und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt. Er war ein Mörder von Anfang an.“ (Joh 8, 44) Gäbe es den Teufel nicht, dann könnte vielleicht wirklich von einem ‚rein religiösen‘ Antijudaismus in den frühen Schriften des Christentums, ja im Christentum insgesamt, gesprochen werden: Die Abgrenzung von den Juden würde in diesem Fall die Physis der Ausgegrenzten unangetastet lassen. Mit der besonderen Rolle aber, die dem Satan zufällt, lauert bereits im Evangelium die Möglichkeit des Antisemitismus, und das christliche Abendland wird dieser Figur schließlich die große Laufbahn eröffnen.

Wenn Satan bei Johannes - also im jüngsten Evangelium - in Judas fährt, so ist dies keine punktuelle Dämonisierung mehr, sondern ganz einfach die schnellste Art und Weise, Judas zum Juden zu machen. Diese Dämonisierung steht für die Verteufelung des ganzen Judentums - insofern ist Judas tatsächlich die Urform christlicher Personifizierung, und seine Abspaltung von Jesus und den Jüngern das Grundmotiv des Neuen Testaments. Wie keine andere Figur der Evangelien erlaubt es Judas, das Christentum in statu nascendi zu studieren: Theodor Reik erkennt in ihr „das alter Ego des Erlösers, das einer Ichspaltung entstammt und von Schuldbewußtsein geboren wurde [...].“ Als „Sündenbock“ vereinige Judas alle als peinlich empfundenen Impulse auf sich und entlaste so die Jünger und Jesus; er erscheint „als das genaue Gegenstück Christi. [...] Jesus vertrieb die Schacherer und Zöllner aus dem Tempel, sein späterer Vertreter mußte den Vorwurf des Diebstahls tragen.“ Über Judas wird gewissermaßen die christliche Ökonomie von Schuld und Hass reguliert: „Das christliche Altertum und Mittelalter bekennt sich zu Christus und projiziert seinen Haß gegen Jesus auf den bösen Judas. In beiden Projektionsschöpfungen aber wird der Anteil der unbewußten Reue und des Schuldbewußtseins ersichtlich. Beide setzen also eine ambivalente Einstellung gegen das als Gott verehrte Wesen als ursprünglich voraus; gerade die Projektion beweist den Gefühlskonflikt.“ Worin aber geraten die Christen in Konflikt? Woher kommt die ambivalente Haltung zu Jesus? Für Theodor Reik liegt die Antwort ähnlich wie für Freud im heimlichen Wunsch, den Vatergott zu stürzen. Der Anschlag auf die Händler im Tempel hätte demnach ursprünglich dem Hausherrn selbst gegolten und wäre dann auf die Händler abgelenkt worden. Wenn das zutrifft, bleibt noch immer die Frage, warum gerade die Händler den Hass wie magnetisch auf sich ziehen konnten - und was Judas mit ihnen verbindet.

Zusammen mit Satan fährt ein anderer Teufel in Judas: „Darauf ging einer der Zwölf namens Judas Iskariot zu den Hohenpriestern und sagte: Was wollt ihr mir geben, wenn ich euch Jesus ausliefere? Und sie zahlten ihm dreißig Silberstücke.“ (Mt 26,14f.) Das sei „der Preis, den er den Israeliten wert war [...].“ (Mt 27,9) In der Gestalt von Judas kehren offenbar die vertriebenen Händler in den Tempel zurück und üben mit ihren ureigenen Mitteln Rache an Jesus - mit Geld. Das späte Johannes-Evangelium zeigt dabei von Anfang an eine deutlicher ausgeprägte Fixierung auf das Tauschmittel: Allein der Auftritt von Jesus im Tempel mit seiner Aktion gegen die Händler wird hier mit merkbarer Betonung als Austreibung des Geldes dargestellt und als wahre Action-Szene vor Augen geführt: „Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen. Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus und ihre Tische stieß er um. Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle.“ (Joh 2,13-16)

Als Verwalter der Kasse der Jünger ist Judas in diesem Evangelium von vornherein mit Geld in Zusammenhang gebracht und damit verdächtig. Wenn er zu bedenken gibt, das Öl, mit dem Maria Magdalena die Füße von Jesus salbt, doch lieber zu verkaufen und das Geld an die Armen zu verteilen, wird der Zweck seines Ansinnens sogleich bestritten, und er selber durch das Mittel, das Geld, definiert: „Das sagte er aber nicht, weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern weil er ein Dieb war; er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Einkünfte.“ (Joh 12,4-6; siehe auch Joh 13,29)

Dennoch bleibt die Identifikation der Juden mit dem Geld hier bloße Möglichkeitsform, die erst viel später, mit dem Aufschwung der Geldwirtschaft in den mittelalterlichen Städten Europas realisiert wurde. Diese Identifikation hebt seither jede antisemitische Einstellung von der rassistischen ab, um gleichzeitig auch noch an deren Projektionen zu partizipieren.

In diesem Zusammenhang gewinnt nun das Blut eine besondere ideologische Bedeutung. Weil sie das kostbare Blut Christi vergossen hätten, gäbe es für die Juden keine Besserung und keine Vergebung, präzisierte Johannes Chrysostomos, einer der vehementesten Judenfeinde der alten Kirche. Und hier liegt auch der Sinn der immer weiter ausgebauten und intensivierten Marter- und Geißel-Szenen der Passion, bei denen die Juden mehr und mehr den aktiven Part übernehmen: Es geht offenbar darum, das Blut aus der Passion herauszuarbeiten. Die Dornenkrone ist, ikonographisch gesehen, seit dem 13. Jahrhundert ein bevorzugtes Instrument, das Blut Christi fließen zu lassen; auch die Darstellung der Kreuzigung selbst kommt bald nicht mehr ohne sie aus; von ähnlicher Bedeutung ist der Stich, der Jesus am Kreuz mit einer langen Lanze in die Brust versetzt wird. Im 15. Jahrhundert sind die Bilder vom blutüberströmten Jesus ohne Zahl.

Die Passionsdarstellungen entwickelten sich in auffälliger Parallelität zu den Legenden des Ritualmordes, die ihrerseits durchaus als Passionsspiele mit anderen Mitteln, als Vergegenwärtigung der Passion in anderer Form, gedacht werden müssen. Dabei weicht dieses seit dem 12. Jahrhundert verbreitete Genre insofern vom Kern der christlichen Lehre ab, als es sich mit der Einmaligkeit des christlichen Opfers nicht abzufinden, mit dem bloßen Nachspielen oder Nacherzählen der Passion Christi nicht zu begnügen vermag, vielmehr neue Märtyrer machen muss, die in aller Heimlichkeit das Opfer wiederholen. In gewisser Weise wird damit der vom Christentum eigentlich stillgestellte Opferkult wieder in Gang gebracht, wobei die imaginierten Juden ihre Rolle als Akteure eben behalten. Als eine Art Grundstruktur wiederholt sich das Motiv, dass die Juden ihr Opfer - ein Christenkind - zunächst mit Geld kaufen, ehe sie es martern, kreuzigen, stechen oder schächten und auf diese Weise sein Blut bekommen. Was sie mit dem Blut tun, variiert hingegen je nach Legende: Sie benötigen es als Balsam für die Beschneidung; sie backen damit ihr ungesäuertes Brot; oder sie haben in ihrer Blindheit einfach falsch verstanden, durch welches Blut sie von ihrer Schuld erlöst werden können. Statt auf Christi Blut, das zur Erlösung täglich am Altar vergossen wird, haben sie es darum auf das Blut der Christen abgesehen; und es fehlt auch nicht die Version, wonach die jüdischen Männer menstruieren und das christliche Blut benötigen, um den Blutverlust wettzumachen. Was den genauen Zweck des jüdischen Interesses am christlichen Blut betrifft, lässt also die Phantasmagorie durchaus einen gewissen Interpretationsspielraum – es muss jedenfalls etwas Unheimliches sein. In ihm verbirgt sich der phantasierte Zusammenhang des Geldes, mit dem das Opfer gekauft wird, und des Blutes, das man ihm sodann abzapft. So wird die Metapher des ‚Aussaugens‘ praktikabel: Die Aneignung des Reichtums in Form des Zinses kann mit der phantasierten Tötung von Christus bzw. von Christen gekoppelt werden. Die Juden - signalisiert die antisemitische Dramaturgie - ‚saugen‘ die Christen aus, sie ernähren sich von ihrem ‚Blut‘.

Dieses wahnsinnige Bild hat die Aufklärung überdauert, noch daraus sogar neue Nahrung gezogen, erlebte im Nationalsozialismus seine Erfüllung und gewinnt heute im antizionistischen Kampf gegen Israel neue Wirkungsmächtigkeit. Wer sich die Karikaturen der zweiten Intifada in arabischen Medien ansieht, erkennt in den meisten die Elemente der Ritualmordlegende: Alles dreht sich um das Blut der Palästinenser, auf das Sharon und die Israelis es abgesehen hätten.

Nationalstaat und Nationalsozialismus
Nur der Deutsche, der sich opfert, wird nach Fichtes Reden an die Nation von 1808 zum wahren Staatsbürger. Nur in ihm erscheint „Göttliches“, und „das Ursprüngliche hat dasselbe gewürdigt, es zu seiner Hülle und zu seinem unmittelbaren Verflößungsmittel in die Welt zu machen; es wird darum auch ferner Göttliches aus ihm hervorbrechen. Sodann tätig, wirksam, sich aufopfernd für dasselbe. Das Leben, bloß als Leben, als Fortsetzen des wechselnden Daseins, hat für ihn ja ohnedies nie Wert gehabt, er hat es nur gewollt als Quelle des Dauernden; aber diese Dauer verspricht ihm allein die selbständige Fortdauer seiner Nation; um diese zu retten, muß er sogar sterben wollen, damit diese lebe, und er in ihr lebe das einzige Leben, das er von je gemocht hat.“ Im „Gemüte“ dieses Bürgers „lebt die Liebe des Ganzen, dessen Mitglied er ist, des Staates und des Vaterlandes, und vernichtet jede selbstische Regung“.

Nur der christliche Deutsche, der sich opfert, wird zum wahren Staatsbürger – aber es muss von vornherein eben doch ein Christ und Deutscher sein, denn er geht mit dem Opfer in jene Ewigkeit des Volkes ein, in die er schon immer hineingeboren ward: „Dies ist seine Liebe zu seinem Volke (...) mit der Abstammung daraus sich ehrend.“ Der Rekurs auf die Abstammung – die Religion oder das Blut, den Volksgeist oder die Rasse – dient immer dazu, den Deutschen gegen den bohrenden Zweifel an der eigenen Opferbereitschaft zu stärken.

Darin liegt die Logik dieses Nationalbewusstseins, die Juden als Feindbild zu beschwören: Man braucht ein negatives Exempel – eine Bevölkerungsgruppe, an der ein Exempel statuiert werden kann – um selbst positiv zu sein, sich positiv zu Staat und Kapital zu verhalten, so positiv, dass man bereit ist, sich dafür zu opfern. Den Juden wurde das Entscheidende abgesprochen, das sie einzig zu konkreten Deutschen machen könnte: der Wille zum Nichts. Als jene Gruppe und jene Individuen vorgestellt, die sich dem Opfer fürs Kollektiv grundsätzlich entzogen und auf ihren individuellen Interessen beharrten, dienten sie dem christlichen und staatsbürgerlichen Bewusstsein nicht nur als Menetekel für alle liberal gesinnten Bürger, die sich dem nationalen Einheitsprinzip irgendwie widersetzten. Sie waren zugleich dazu ausersehen, zu personifizieren, was im Opfer niemals aufgehen wollte, ihm zuwider hartnäckig nach seinen eigenen undurchschaubaren und abstrakten Gesetzen fortwirkte: die verselbständigte Ökonomie, das sich selbst vermehrende Geld, das Kapital.

So forderte bereits Fichte nach der Französischen Revolution, den Juden keine Bürgerrechte zu geben – denn ihnen diese Rechte zu geben, dazu sehe er „wenigstens kein Mittel, als das, in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abzuschneiden, und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sei“; so postulierte Carl Schmitt nach der „deutschen Revolution“ von 1933, nunmehr das „jüdische Gesetz“ der abstrakten Gleichheit und formalen Gleichstellung aller Staatsbürger (dessen Gesetzgeber sich in einer für immer unerreichbaren Sphäre befinde, auf ewig abwesend bleibe) vollständig zu ersetzen durch ein konkretes „Rassengesetz“ der absoluten Ungleichheit und substanzhaften „Gleichartigkeit“ (das vom Führer gebracht und geschützt wird). Es gehe darum, dem abstrakten jüdischen Universalismus und der Herrschaft des Geldes und des Gesetzes einen konkreten, erscheinenden Gott und die „Herrschaft des Menschen“ entgegenzustellen – und der Katholik Schmitt fühlte sich berufen, die Wiederkehr von Gottes Sohn in der Gestalt des Führers zu kodifizieren.

Nachdem Schmitt 1935 die „Nürnberger Gesetze“ schon als die „Verfassung der Freiheit“ kommentiert hatte, worin die „Stimme des deutschen Blutes“ endgültig das entscheidende Kriterium für den Staat geworden sei, bestimmte er nun ganz genau, wer nur als fremd, eine fremde Rasse – und wer darüber hinaus als schlechthin anders, als die Gegenrasse, zu gelten habe: „Wenn wir dabei von Juden und Judentum sprechen, so meinen wir wirklich den Juden und nichts anderes.“ Mache man aber „aus den Fremden einen Allgemeinbegriff, der unterschiedslos Artverwandte und Artfremde umfaßt, so kann die spezifisch jüdische Beeinflussung nicht mehr wissenschaftlich erkannt werden. Dann erscheint der Einfluß, den z. B. die italienische Musik auf unsere großen Musiker Händel, Bach und Mozart gehabt hat, in einer Reihe mit der jüdischen Infektion, die von Marx und Heine ausging.“ In der „Judenfrage“ aber gehe es immer ums Ganze: Hier gebe es „überhaupt keine nebensächlichen Angelegenheiten mehr. Alles hängt aufs engste und innigste zusammen, sobald ein echter Weltanschauungskampf eingesetzt hat.“ Denn die Juden könnten sich überall verbergen: Der „Maskenwechsel von dämonischer Hintergründigkeit“ gehört zu ihrem Wesen, und diese „Virtuosität der Mimikry“ ist „durch lange Übung noch gefördert“ worden. Es ist der Kern der pathischen Projektion des Antisemitismus: So, wie der Tauschwert jeden Gebrauchswert vermitteln kann, so können die Juden jede Rolle übernehmen, nur sind sie nie das, was sie spielen; sie bleiben uneigentlich und echt, weil echt und eigentlich nur ist, wer durch seine Abstammung zum Opfer bereit sich zeigt.

Seit dem späten 19. Jahrhundert gesellte sich übrigens das antiamerikanische Ressentiment hinzu: Gerade in der Frage der Opferbereitschaft gibt es hier die erstaunlichsten Überschneidungen mit dem Antisemitismus. Während die Juden dazu auserwählt sind, den abstrakten Reichtum zu verkörpern – das Geld, dort wo es dem Antisemiten unheimlich und irreal erscheint - gelten die USA dem antiamerikanisch Gesinnten als einzige real existierende Gesellschaft, in der allein das Geld regiere; als Gesellschaft ohne eigentlichen Staat, ohne Staat, der vom Gemeinsinn getragen würde – als Land der unbegrenzten Konkurrenz. Rechtlichkeit also ohne freiwilligen Gemeinsinn, ohne selbstbestimmtes Opfer für den Staat. Es mangle den Amerikanern von Natur aus an soldatischen Tugenden und Opferbereitschaft, wird seit dem Ersten Weltkrieg beständig betont: Von einer „Armee ohne Pathos“ sprach verächtlich Hitlers Generalstabsoffizier Adalbert Weinstein. Und so stehen denn die amerikanischen Politiker bald in dem Ruf, bloße Geschäftsleute zu sein, die nunmehr weltweit agieren und durch das Recht geschützt überall betrügen können: Der US-Staat erscheint als „gewalttätiger Geschäftsmann“ und sonst nichts. Das ist der Punkt, an dem Uncle Sam jederzeit als Shylock perhorresziert werden kann, wenngleich jener im Unterschied zu diesem nicht nur über Geld sondern auch Waffen verfügt. Die USA wird demnach als eine Art Hinterland des Judentums imaginiert, als „verjudeter“ Staat.

Postnazistischer bzw. neuer Antisemitismus
Mit der Gründung des Staates Israel verändert sich diese Konstellation. Israel wird nun selbst zum Juden unter den Staaten, wie das Hans Mayer einmal anschaulich formulierte. Denen man immer vorwarf, daß sie keinen Staat hatten und auch nicht haben könnten, weil sie zum Opfer für den Staat nicht fähig seien, gerade sie bauten nunmehr einen einheitlichen Staat auf, den sie auch erfolgreich gegen alle Angriffe von außen verteidigten. Die aber, die den Haß auf die Juden jetzt am meisten schürten, konnten das erstrebte homogene, alle Antisemiten der Region umfassende Staatsgebilde nicht hervorbringen, sondern immer nur einzelne Staaten, die entweder mit größter innerer Gewalt zusammengehalten werden oder in Bandenkriegen zerfallen, und untereinander kein festes Bündnis herstellen. Im Vergleich zum deutschen Nationalismus, der doch vielfach als Vorbild dient, kommt es bei allen panarabischen und islamistischen Bestrebungen zu keiner wirklichen nationalen Homogenisierung.

„Teilung, nicht Einheit ist das vorherrschende Merkmal der islamischen Geschichte“, sagt Bassam Tibi. Dabei war doch Einheit zu schaffen, das vordringlichste Ziel dieser Religion, die von den reichen Städten des Handels aus die Heterogenität der Stämme aufheben wollte. Aber der Partikularismus war stärker, die Stämme blieben „ungeachtet der vorhandenen staatlichen Ordnung, die grundlegenden gesellschaftlichen Einheiten, und sie haben bis heute überlebt“. Anders als bei der Genese des westlichen Nationalstaats gelang es nicht, die verschiedenen tribal separierten Teile der Bevölkerung zu einer Einheit zu verschmelzen, den äußeren Zwang zum Nationalbewusstsein zu transformieren. Dazu fehlte es so gut wie überall an industriellem Kapital. Das Osmanische Reich war und blieb das Reich des Handelskapitals: Es war ein Imperium ohne zentralstaatliche Strukturen, ohne moderne omnipräsente Souveränität.

Gerade das in sich Zerfallene, das Nation nicht erreichen und Homogenität nicht herstellen kann, aber auf Homogenität und Nation umso begeisterter zielt – zur „nationalen Macht besitzt der Islam besondere Affinität“ (Horkheimer) –, ist nun in einer neuen, besonders intensiven Weise auf Antisemitismus ausgerichtet. Nur diese eine Projektion ist noch imstande, Einheit herzustellen. Das als metaphysischer Feind phantasierte Judentum ermöglicht die innigen Beziehungen der konkurrierenden Banden zueinander und zu den existierenden Staaten, der Terrorgruppen und Regierungen zur jeweiligen Staats-Bevölkerung, der reichen Bürger zu den armen Massen, der stabilen Staatsgebilde zu den zerfallenden Semi-Staaten. Mit einem Wort: Der Antisemitismus schafft jene Identität, die alle Gegensätze der Region unter sich vereint, die Einheit in der Zersplitterung. Er schafft sie, indem er sie wie eine Waffe auf Israel und dessen Schutzmacht ausrichtet.

Wie aber der von islamistischen oder arabisch-nationalistischen Bewegungen gegründete Staat darin scheitert, die Vernichtung als Gewaltmonopol auch nach außen zu tragen und den totalen Krieg gegen Israel nicht nur auszurufen, sondern auch zu Ende zu führen – es sei denn er besitzt Atomwaffen –, so wenig scheint er willens oder imstande, die Vertreibung und Vernichtung der Juden im Inneren systematisch und unter Einsatz des bürokratischen Apparats durchzuführen. Während die antisemitische Propaganda ständig wächst und an Aggressivität gewinnt, wird den Juden im eigenen Land nicht unbedingt der Prozess gemacht: Das Spektrum reicht von Vertreibung wie in Gaddafis Libyen, Einreiseverbot für Israelis wie etwa in Saudi Arabien und ‚Toleranz‘ für die allerletzten, noch lebenden Gemeindemitglieder wie im Irak unter Saddam Hussein bis zur relativ großen Gemeinde im „Gottesstaat“ Iran, der sogar ein eigener Vertreter im Parlament zusteht. Voraussetzung der Existenz ist in allen Fällen die Lossagung von Israel, wie umgekehrt das Bekenntnis zum Zionismus einem Todesurteil gleichkommt. Hier endet auch die Freiheit der jüdischen Gemeinde im Iran, wie die Verhaftungen und Gerichtsverfahren seit 1979 zeigen. Ob systematische Verfolgung von Staats wegen oder spontane Neigung zu Pogromen: Alles zielt zunächst auf Israel und den Zionismus.

Die veränderte Konstellation führt also dazu, dass jenes absolute Feindbild, das allein Einheit stiften kann, selbst nicht mehr so homogen erscheint und genau definiert wird, wie es den modernen europäischen Antisemitismus kennzeichnet. Es gibt keinen „Arierparagraphen“ und keine „Nürnberger Gesetze“ – denn auf dieser organisatorisch kodifizierten und staatlich rechtlichen Ebene operieren die antizionistischen Bewegungen gar nicht. Der Feind ist derselbe, die Bedrohung wird anders halluziniert: Die Not führt man nicht auf die Assimilation der Juden zurück wie im europäischen Antisemitismus, denn die Juden haben inzwischen einen eigenen Staat. Was immer aber dieser Staat auch unternimmt, er ist es, der die Not in der Region und in der ganzen Welt herbeiführt. Und als solcher wird er in jedem einzelnen Juden verfolgt und bekämpft. So sieht die neue Toleranz aus, die hier droht: Ein Recht zu leben, haben Juden nur, wenn sie sich von ihm distanzieren. Israel als Rassenmerkmal: Durch die Zuordnung zu diesem „künstlichen Gebilde“ erübrigt sich jede weitere Definition des Judentums. Rassenkunde wird eingespart. Des öfteren und ganz unsystematisch bezeichnet man die Juden – angeregt von einer Koranstelle (Sure 5 64-69) – als Affen und Schweine, das genügt.

Eine ausgefeilte Rassentheorie ist für den Antisemiten offenkundig in einer bestimmten Konstellation vonnöten – etwa, wenn er sich einer zur Assimilierung bereiten, größeren Masse von Jüdinnen und Juden unmittelbar gegenüberfindet, wie etwa in Deutschland und in der Habsburgermonarchie im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sie ist aber nicht nötig angesichts eines jüdischen Staats. Denn hier kann der Antisemit an diesem Staat selbst bereits die Kriterien und Anhaltspunkte gewinnen, um die Juden zu identifizieren. Und zugleich zeigen die Anschläge auf Einrichtungen jüdischer Gemeinschaften weltweit, dass diese Identifizierung ebenso die Juden betrifft, die gar keine Israelis sind. Auch ohne Rassentheorie und unmittelbar rassistisches Vokabular handelt es sich eben durchaus um einen rassistischen Begriff vom Judentum. Jüdische Religion und jüdischer Staat dienen ihm stets nur als Hinweise auf Name und Adresse jeder einzelnen Jüdin, jedes einzelnen Juden, auf deren physische Existenz er es abgesehen hat. Wie heißt es bei Edward Said so vielsagend und doch so eindeutig: „Während der letzten hundert Jahre blieb kein Jude vom Zionismus unberührt“.

Von einem rein religiösen Judenhass zu sprechen, worin sich die Islamisten also von den Nationalsozialisten sozusagen positiv unterscheiden, wodurch der islamistische Antisemitismus harmloser sei als der nationalsozialistische, verkennt damit das Wesentliche: die Ausrichtung auf die physische Vernichtung der Juden, die im Selbstmordattentat demonstriert wird. Diese Form der Gewalt, die so gerne als bloßes Mittel im politischen Kampf dargestellt wird, als Mittel der Verzweifelten, ist in Wahrheit die Aufhebung jeder Relation von Mittel und Zweck in der Vernichtung um der Vernichtung willen: aus der Bereitschaft, das eigene Leben zu opfern, die letzte Bestätigung zu gewinnen, den pathischen Projektionen vollständig zu willfahren und den längst geplanten Massenmord in die Tat umzusetzen. Der Durchbruch des Selbstmordattentats im Kampf gegen Israel bedeutet somit, dass heute der Zusammenhang von Judenhass und Opferbereitschaft unmittelbar in eins fällt – und man muss sich jetzt vor Augen führen, was das heißt, wenn ein Gottesstaat wie der Iran die Atomwaffe bekommt: Dann verwandelt sich ein ganzer Staat in einen einzigen Selbstmordattentäter, den nichts mehr, kein drohender Vergeltungsschlag mehr abschrecken kann.

Das Selbstmordattentat zeigt, dass die rassistische Festlegung auch dort am Werk ist, wo von Ungläubigen statt von Rasse gesprochen wird; dass hier vielmehr die frühen religiösen Formen des Judenhasses von den total gewordenen, eliminatorischen nicht mehr zu trennen sind. So kehrt auch Satan, die alte Präfiguration des Rassebegriffs zurück: Er ist wieder die Figur, die die Juden identifiziert, aber nun tut er es zugleich als „großer“ und „kleiner Satan“, also ist selbst identisch gesetzt mit zwei Staaten: USA und Israel.

Der Vortrag beruht auf meinen beiden Büchern Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus (Freiburg: ça ira 1999; 2. Aufl. 2006) und Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt (Freiburg: ça ira 2004).



Literatur:
Fichte, Johann Gottlieb: Reden an die deutsche Nation [1808]. Fichtes sämmtliche Werke Bd. VII. Berlin 1845/46

Fichte, Johann Gottlieb: Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution. [1793] Schriften zur Revolution. Hg. v. Bernard Willms. Frankfurt am Main-Berlin-Wien 1973

Gross, Raphael: Carl Schmitt und die Juden. Eine deutsche Rechtslehre. Frankfurt am Main 2000

Horkheimer, Max: Macht und Gewissen [1962]. In: Gesammelte Schriften. Hg. v. Alfred Schmidt u. Gunzelin Schmid Noerr. Bd. 7. Frankfurt am Main 1985

Reik, Theodor: Der eigene und der fremde Gott. Zur Psychoanalyse der religiösen Entwicklung. Frankfurt am Main 1972

Said, Edward W.: Zionismus und palästinensische Selbstbestimmung. Stuttgart 1981

Schmitt, Carl: Die Verfassung der Freiheit. In: Deutsche Juristenzeitung 40/19/1935

Tibi, Bassam: Die fundamentalistische Herausforderung. Der Islam und die Weltpolitik. 3. Aufl. München 2002



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