theorie Lutz Eichler/ Marion Müller Kirchof: Der Alltag des Antisemitismus (Teil 2) Druckversion
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Der Alltag des Antisemitismus
TEIL 2

Von Lutz Eichler & Marion Müller Kirchof


8. Sekundärer Antisemitismus
Der Gesamtzusammenhang der Autoritarismustheorie ist hier nicht darstellbar. Ich fasse zunächst seine Symptome zusammen und konzentriere mich dann auf zwei, die speziell für das Phänomen des sekundären Antisemitismus von Bedeutung sind.

Das Ich der autoritätsgebundenen Persönlichkeit ist in seiner regulativen Funktion systematisch geschwächt und das Gefüge der Instanzen von Über-Ich, Ich-Ideal, Ich und Es ist destrukturiert. Das Über-Ich ist überdimensioniert, das Ich-Ideal ist hochfliegend und beide unzureichend mit dem Ich verbunden. Autoritätsgebundene sind beherrscht von verdrängten und unbeherrschten Triebregungen und gequält von Moral und Gewissen. Dadurch sind sie immer auf der Suche nach von den rigiden Normen Abweichendem, um gegen sie ihre Aggressionen abzureagieren. Ihre Gewalt richtet sich dabei sadistisch auf vermeintlich oder tatsächlich Schwächere und sie unterwerfen sich masochistisch der überhöhten Autorität der Macht. Weitere Grundmerkmale des autoritären Charakters sind die schon benannten manichäische Trennungen (an erster Stelle von Eigen- und Fremdgruppe, gemeinhin nach Nation oder Ethnie), Anti-Intrazeption (d.h. die Unfähigkeit über Emotionen nachzudenken, sie zuzulassen und an anderen zu erkennen und zu akzeptieren), Aberglaube und Stereotypie, Geltungssucht und sentimentales Selbstmitleid, Destruktivität und Zynismus, Projektivität und die Unfähigkeit zu liebender Hingabe bei gleichzeitiger Überbetonung von Sexualität. Frenkel-Brunswik hebt die mit den genannten Dimensionen vermittelte Intoleranz gegenüber Mehrdeutigkeit hervor.

Im Weiteren werde ich mich auf zwei Ausprägungen des Autoritarismus beschränken, die ich für den aktuellen Antisemitismus für besonders bedeutsam halte: das Problem des externalisierten Über-Ichs, sowie Anti-Intrazeption und Gefühlskälte.
Die Besonderheit des Antisemitismus gegenüber Rassismus oder anderen Formen der Menschenfeindlichkeit liegt, wie oben erwähnt, darin, dass Juden nicht nur ab- sondern in spezifischer Weise aufgewertet werden. Diese Überbewertung ist auch zentrales Merkmal des sog. sekundären Antisemitismus. Darunter wird heute eine besondere Form des Antisemitismus verstanden, der sich nicht trotz, sondern wegen Auschwitz äußert. Er ist Ausdruck von Erinnerungsabwehr und dem Willen, sich subjektiv und/oder kollektiv von Scham, Schuld und Verantwortung zu entlasten. Birgit Rommelspacher definiert sekundären Antisemitismus als den „Wunsch, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu vergessen und sich auch all der damit verbundenen Gefühle zu entledigen... Zentrale Bedingung dafür ist die Verdrängung der Vergangenheit insgesamt, insbesondere aber die der Geschichte der Opfer und ihrer Verfolgung“ (Rommelspacher 1993, 42).

Auschwitz steht der Identifikation mit der deutschen Nation entgegen, weil das kaum vorstellbare Ausmaß der industriellen Judenvernichtung mit dem deutschen Staatswesen unauslöschlich verbunden ist. Die Erinnerung an die Shoah stört das Bedürfnis, ein konventionelles Narrativ von der guten Nation zu rehabilitieren. Die Erinnerung muss abgewehrt werden, bzw. alles, was die Erinnerung provoziert oder einfordert. Sekundärer Antisemitismus richtet sich gegen Juden, weil sie durch ihre pure Existenz den Nationalisten an deutsche Verbrechen und deutsche Schuld erinnern. Sie verkörpern für ihn die unerwünschte und verdrängte Erinnerung, sie sind das verkörperte schlechte Gewissen.

Psychologisch wird die verdrängte Schuld, Scham und Verantwortung auf Juden projiziert und an ihnen bekämpft. Im Bilde des sekundären Antisemitismus werden Juden zur ausgelagerten moralischen Instanz. An sie wird erst die Erinnerung delegiert, von der man sich dann bedroht sieht, beispielsweise durch eine „Moralkeule Auschwitz“ oder eine „Antisemitismuskeule“ (vgl. Walser). Das nur schwach integrierte Über-Ich des Autoritätsgebundenen wird abgespalten und auf Juden abgeschoben, die für die Erinnerung verantwortlich gemacht werden. Juden erscheinen dadurch als verkörperter Schuldvorwurf, dem ein Bedürfnis nach Restauration einer ungebrochenen Identifikation mit der Nation der Täter und ihrer Nachkommen zu Grunde liegt.

Birgit Rommelspacher spricht in diesem Zusammenhang von einer „Delegation der Moral ... Man begibt sich in die Position eines Kindes, das an die Repräsentanten dieser Instanz höchst ambivalent fixiert bleibt: Respekt, Scheu und Angst vor ihnen auf der einen Seite, unterdrückte Wut auf der anderen, da eine solche kindliche Abhängigkeit beschämt. Diese Kränkung soll wiederum abgewehrt werden, in dem mit allen Mitteln versucht wird, diese Instanz zu demontieren“ (Rommelspacher 1993, 45). Insofern werden Juden als moralische Instanz, als externalisiertes Über-Ich, „in die Position der Eltern manövriert, von denen man Verzeihung erwartet. ... Die Verweigerung der Versöhnung wird dann als Bestrafung erlebt, die Aggressionen gegen die strafende, veräußerlichte Über-Ich-Instanz hervorruft“ (Rensmann 2004, 171).

In gewisser Weise haben wir es beim sekundären Antisemitismus mit einer ‚negativen therapeutischen Reaktion’ im Sinne Freuds zu tun. Unbewusste Schuldgefühle verhindern eine Entwicklung, die eine Differenzierung der Persönlichkeit und neue Lust versprechen würde. Bleibt die Introjektion unvollständig, dann bleibt auch die Charakterbildung auf der Stufe des Latenzkindes stehen, das bekanntlich ein kleiner Moralist und Gerechtigkeitsfanatiker ist – wenn es um andere geht. „Wenn das Selbst nicht in der Lage ist, Schuld und Verantwortung zu internalisieren und als Bestandteil der Identität zu integrieren, ist eine solche Entäußerung, die potenziell und bevorzugt die Juden trifft, eine quasi logische Folge. Werden jedoch Juden und nicht das Selbst als moralische Instanz wahrgenommen, wie es in der Rede von den jüdischen ‚Mahnern’ in den deutschen Medien geläufig ist, so ist der nächste Schritt nicht weit, sie für die Erinnerung ans Geschehene, den Umstand, dass der Holocaust nationale Normalitätsphantasien stören kann, überhaupt verantwortlich zu machen: denn ohne Juden gäbe es dann keine unliebsame Erinnerung an die Verbrechen“ (Rensmann 2004, 170).

Sekundärer Antisemitismus kann sich mit primären Varianten vermischen. Die klassischen Stereotype von jüdischer Rachsucht, Unversöhnlichkeit, Medienmacht, Geldgier werden mit erinnerungsabwehrendem Antisemitismus amalgamiert.

Ein spezifisch neues Element des Antisemitismus ist die sog. Schlussstrichmentalität. Neu jedoch nur in dem Sinne, dass es nach der Shoah auftauchte, denn bereits in der Studie „Schuld und Abwehr“ (Adorno 1997b), deren Material im Winter 1950/51 erhoben wurde, hält Adorno diese Reaktion fest. Ein Proband, ein ehemaliger Berufsoffizier, fasste das Motiv prägnant zusammen: Es sei notwendig, „dass man nun die vielfachen Verstrickungen der Schuld, die durch alle Nationen gehen ... daß die nun endlich einmal wie der gordische Knoten gelöst würden, dass man also tabula rasa mit allen Vorwürfen gegenüber irgendwelchen Vergangenheiten macht, dass man sowohl die Vergangenheiten, die dem deutschen Volk irgendwie schuldhaft zugerechnet werden mögen, verschwinden läßt und gleicherweise wir hier in unserem deutschen Volk die berechtigten Schuldvorwürfe gegen die Alliierten fallen lassen müßten“ (Adorno 1997b, 262).

Der sekundäre Antisemitismus, dessen zentraler Bestandteil die Schuld- und Verantwortungsabwehr ist und sich besonders augenfällig in der Schlussstrichmentalität äußert, ist nach den Ergebnissen der Studie des Bielefelder Instituts die heute verbreitetste Form des Antisemitismus. Den Aussagen „Ich ärgere mich darüber, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden“ und „Ich bin es leid, immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören“ stimmten 68,3 und 62,2% der Befragten zu (vgl. Heyder 2005, 150).

8.1. Möglichkeiten und Grenzen der sog. Aufarbeitung der Vergangenheit
Ein gewisses Maß an Abwehr der Erinnerung, der Einfühlung in das Leid der Opfer und der Überlebenden, sowie der Übernahme von Verantwortung ist notwendig. Niemand kann die Last von Schuld und heute von Verantwortung, die in Auschwitz aufgehäuft wurde, tatsächlich im vollen Umfang tragen und die Einfühlung hat ihre Grenzen spätestens am Selbstschutz. Lars Rensmann bemerkt, dass „angesichts der Grauen der Shoah ... die Möglichkeit der ‚Verarbeitung’ zweifellos auf objektive Grenzen [stößt]“ (Rensmann 2004, 165).

Grund der objektiv eingeschränkten subjektiven Liebes- und Identifikationsfähigkeit ist nach Adorno die bürgerliche Kälte. In einer Gesellschaft, die derart eingerichtet ist, dass jeder seine eigenen Interessen gegen die der anderen behaupten muss, in der das Gesetz des Warentauschs alle Bereiche der Gesellschaft durchdrungen hat, stehen sich die Menschen in ökonomischer wie metaphorischer Hinsicht gleichgültig gegenüber. Diese Kälte ist auch die Bedingung der Möglichkeit von Auschwitz gewesen: „Wäre sie [die Kälte, d. Verf.] nicht ein Grundzug der Anthropologie, also der Beschaffenheit der Menschen, wie sie in unserer Gesellschaft tatsächlich sind; wären sie also nicht zutiefst gleichgültig gegen das, was mit allen anderen geschieht außer den paar, mit denen sie eng und womöglich durch handgreifliche Interessen verbunden sind, so wäre Auschwitz nicht möglich gewesen, die Menschen hätten es dann nicht hingenommen. ... Jeder Mensch heute, ohne jede Ausnahme, fühlt sich zuwenig geliebt, weil jeder zuwenig lieben kann. Unfähigkeit zur Identifikation war fraglos die wichtigste psychologische Bedingung dafür, dass so etwas wie Auschwitz sich inmitten von einigermaßen gesitteten und harmlosen Menschen hat abspielen können. Die Kälte der gesellschaftlichen Monade, des isolierten Konkurrenten, war als Indifferenz gegen das Schicksal der anderen die Voraussetzung dafür, dass nur ganz wenige sich regten“ (Adorno 1997a, 687f.).

8.2. Das Fortleben der Volksgemeinschaft
Die Nationalsozialisten nehmen diese allgemeine, durch die Grundprinzipien der bürgerlichen Gesellschaft bereits bestehende Bedingung, in zwei scheinbar entgegensetzten Weisen auf.
Einerseits verstärkt sich die Kälte bei ihnen bis zur Verdinglichung. Sie machen sich der warenförmigen Gesellschaft nahezu bis zur völligen Affektlosigkeit gleich. Im Zentrum des Wahnhaften stecke, so Adorno, Überanpassung an und totale Integration in die Gesellschaft, die einer Art Hyperrealismus gleichkommt. „Das pathische Moment steckt bei ihnen ... in diesem Realismus selber, einer bestimmten Art von Kälte und Affektlosigkeit ... [...] Sie haben der Welt ohne Rest sich gleichgemacht; wenn sie ... unfähig sind, aus Erfahrungen zu lernen, so darum, weil sie so dinghaft wurden, dass sie eigentlich Erfahrungen nicht mehr machen können“ (Adorno 1997c, 438f.). Das Ergebnis ist ein manipulativer Charakter, der „die ganze Welt in leere, schematische, administrative Felder einteilt“ (Adorno 1995, 334). Er betrachtet alles und jeden als Objekt, „das gehandhabt, manipuliert und nach den eigenen theoretischen und praktischen Schablonen erfaßt werden muß“ (Adorno 1995, 335).

Andererseits hat der Nationalsozialismus den Kampf der Interessen, wie er für die liberalbürgerliche Epoche kennzeichnend ist, ist in bestimmter Weise abgeschwächt. „Gegenüber dem laissez faire beschützte die Hitlerwelt tatsächlich bis zu einem gewissen Grade die Ihren vor den Naturkatastrophen der Gesellschaft, denen die Menschen überlassen waren“ (Adorno 1997b, S. 562). Es war berechenbar, wer „dazu gehörte“ und wer nicht, wer der Verfolgung ausgesetzt wurde und wer unter dem Schutz von Volk und Staat stand. Die Ungewissheit anonymer Märkte wich der klaren Anweisung, was man zu tun und zu lassen hatte. „Die viel berufene Integration ... gewährte auch Schutz gegen die universale Angst, durch die Maschen durchzufallen und abzusinken. Ungezählten schien die Kälte des entfremdeten Zustands abgeschafft durch die wie immer auch manipulierte und angedrehte Wärme des Miteinander; die Volksgemeinschaft der Unfreien und Ungleichen war als Lüge zugleich auch Erfüllung eines alten, freilich von alters her bösen Bürgertraums“ (Adorno 1997b, S. 562).
Dazu ka
m das narzisstische Allmachtsgefühl, angeregt durch die Teilhabe an einer Gemeinschaft, der es gelang, innerhalb von vier Jahren fast ganz Europa zu unterjochen. Der kollektive Narzissmus ist durch die Niederlage schwer geschädigt worden, aber nur, so Adorno, im „Bereich der bloßen Tatsächlichkeit“ (Adorno 1997b, 563). Dass 1945 keine Panik ausbrach, wie es nach der Theorie Freuds als massenpsychologischer Effekt hätte eintreten müssen, ist für Adorno ein Indiz dafür, „dass insgeheim, unbewußt schwelend und darum besonders mächtig, jene Identifikationen und der kollektive Narzißmus gar nicht zerstört wurden, sondern fortbestehen. Die Niederlage hat man innerlich so wenig ganz ratifiziert wie nach 1918“ (Adorno 1997b, 564).

Bürgerliche Kälte, die angedrehte Wärme der Volksgemeinschaft und die geschädigte, aber fortbestehende kollektivnarzisstische Identifikation gehören zu den nachwirkenden affektiven Erinnerungen an den Nationalsozialismus.

Die Sehnsucht nach der volksgemeinschaftlichen Nestwärme prägt auch noch den sekundären Antisemitismus. Diejenigen, die damals als die Volksgemeinschaft zersetzend eingestuft wurden, ziehen heute aus abwehragressiven Motiven den Hass auf sich. Erstens erinnern sie daran, dass damals schon die Wärme nicht für alle galt, man also damals schon dem ‚schönen Schein’ aufsaß und zweitens hält man Juden heute für diejenigen, die die Wiederherstellung der Gemeinschaft durch die Erinnerung an die Verbrechen eben dieser Gemeinschaft verunmöglichen.

Der Mangel an Liebes- und Identifikationsfähigkeit, der, wie gesagt, zwischen autoritätsgebundenen, manipulativen und liberalen, freien Charakteren weniger qualitativ, als quantitativ different ist, lebt nach der Shoah im Unvermögen fort, sich in Opfer, Überlebende und deren Nachkommen einfühlen zu können und zu wollen. „Die aus Abwehr und Ignoranz resultierende Mitleidlosigkeit steht in der Tradition von Einfühlungsverweigerung, die die Verbrechen damals ermöglichte. Die Abspaltung der eigenen Gefühle geht Hand in Hand mit der Abwehr der Gefühle der anderen“ (Rommelspacher 1993, 55). Der Hyperrealismus, der beim manipulativen Typus im Extrem ausgebildet ist, geht einher mit Anti-Intrazeption, „einer Haltung der Unduldsamkeit und des Widerstandes gegen subjektive und sensible Regungen“ (Adorno 1995, 54). Die emotionale Auseinandersetzung mit dem Holocaust wird in dieser Reaktionsweise ebenso verweigert, wie die nötige Sensibilität gegenüber Überlebenden und deren Nachkommen.

Affekte teilen demnach das Schicksal des schlecht integrierten und dadurch geschwächten Gewissens: Sie werden verdrängt, externalisiert und auf Juden projiziert. Lars Rensmann merkt im Anschluss an Dierk Jülich an, dass der Holocaust „mit seinen ganzen Affekten zum Problem der Überlebenden der Vernichtung degradiert [wird]. Die Überlebenden werden zu Trägern der Affekte, die wiederum die nichtjüdischen Deutschen in ihrer psychischen Struktur nicht integrieren können“ (Juelich 1995, 99 zitiert nach: Rensmann 2004, 166).

Abhilfe gegen Kälte, Verhärtung und Affektmangel erhofft sich die und der Ich-Schwache von der oben erwähnten angedrehten Wärme des Kollektivs. Die verbotene Sehnsucht nach der Gemütlichkeit und dem narzisstischen Gewinn der Volksgemeinschaft kann gegen die, die für das Verbot stehen, Aggressionen wecken. In einem Akt pathischer Projektion werden jene, die angeblich nicht vergeben können, der Gefühlskälte und Mitleidlosigkeit beschuldigt. Die eigene Unfähigkeit sich aufnehmend, warm und herzlich, liebend und einfühlend zu begegnen, wird Juden angeheftet. Nach der Regel der Ambivalenz kann andersherum auch die Phantasie gedeihen, Juden würden unter sich die begehrte Emotionalität leben. Das philosemitische Vorurteil Juden hätten ein besonders intaktes Familien- und Gefühlsleben und hielten zusammen, erweckt wiederum Neid – ein klassisches kulturalistisches Vorurteil.

9. Tradierung von Antisemitismus und Empathieverweigerung gegenüber Opfern, Überlebenden und ihren Nachkommen in nicht-jüdischen deutschen Familien
Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, wie im private Raum im Unterschied zur offiziellen Gedenkkultur die Erinnerung an die nationalsozialistische Judenvernichtung begangen bzw. nicht begangen wird, und sich Antisemitismus über die innerfamiliär über die Generationen hinweg tradiert.

Birgit Rommelspacher sowie die Mitarbeiter des Forschungsprojektes „Tradierung von Geschichtsbewusstsein“, im Folgenden kurz Welzer-Studie genannt, haben sich in qualitativen Untersuchungen mit der Weitergabe von Antisemitismus, nationalsozialistischer Geschichte und der Shoah beschäftigt. Während sich Rensmann und Heitmeyer für die politische Kultur und Öffentlichkeit interessierten, beleuchten die Studien von Rommelspacher und Welzer eher die familiale und intergenerative Seite des Problems. Beide kommen zu dem Ergebnis, dass zwischen der Art der Erinnerung im Familiengedächtnis und in der Öffentlichkeit einschneidende Unterschiede bestehen.

Das Gedenken an die Shoah ist in institutionelle Formen gegossen, wie Gedenktagen, Riten, Mahnmalen, Museen und Gedenkstätten. Sie sind der Überprüfung und Kritik zugänglich und ihr ausgesetzt. Das Wahrheitskriterium ist das der Objektivität, obwohl der geschichtspolitische Diskurs natürlich durchsetzt ist von Macht und Herrschaft, und selbst das Kriterium der Objektivität umkämpft ist.

Das Familiengedächtnis hingegen ist an einzelne Personen gebunden und wird im privaten Raum in allen möglichen Zusammenhängen und Zeiten produziert und reproduziert. Es ist weder bewusst institutionalisiert oder organisiert, noch vergegenständlicht, wenn es auch Gegenstände, die die Erinnerung unterstützen sollen, gibt und Zeiten, in denen Geschichten erzählt oder Bilder angesehen werden. Familiengeschichten werden in unterschiedlichsten Situationen erzählt: beim Kartenspiel, bei Familienfeiern, beim Diaabend, beim Abendessen oder aus Anlass eines Fernsehfilms. Dabei besteht das Familiengedächtnis „wesentlich in seiner praktischen Vergegenwärtigung..., mithin im sozialen Prozess gemeinsamer Erinnerung“ (Welzer 2002, 27). Die Erzählungen sind offenbar meist Narrative, die ohne beweisführende Argumentationen auskommen und Plausibilität, Triftigkeit und Objektivitätsgehalt werden von den Zuhörern nur sehr selten geprüft. Das Wahrheitskriterium orientiere sich, so Welzer, „an Wir-Gruppenloyalität und –identität“ (Welzer 2002, 13). Das Ziel der Unterhaltung ist nicht die möglichst genaue und intersubjektiv nachvollziehbare Vergegenwärtigung von Vergangenem, sondern die Etablierung oder Reproduktion einer Art Familienmythos. Die Geschichten bleiben dabei keineswegs immer dieselben, im Gegenteil können sie sich überaus flexibel an die familiäre, wie auch gesellschaftliche Gegenwart anpassen. Entscheidend ist nicht die Identität, Kontinuität und Kohärenz der Geschichte, sondern die der Gruppe.

Ein Ergebnis der Welzer-Studie ist, dass Kinder einerseits „erstaunlich viel über Geschichte wissen“ (Welzer 2002, 9), andererseits dieses Wissen nicht zu einem konsistenten Bild zusammenzufügen in der Lage sind. Die Ursache sehen die Forscher in dem „Unterschied zwischen kognitivem Geschichtswissen und emotionalen Vorstellungen über die Vergangenheit. Auf der Ebene emotionaler Erinnerungen scheinen sich Bindungskräfte und Faszinosa gegenüber der nationalsozialistischen Vergangenheit entfalten und erhalten zu können, die merkwürdig unverbunden mit dem Wissen über diese Zeit sind, und zwar über Generationen hinweg“ (Welzer 2002, 9f.). Im Wohnzimmerregal stehe neben dem Geschichtslexikon das Familienalbum mit widersprechendem Inhalt. Bereits Rommelspacher hatte eine einschneidende Diskrepanz zwischen Erfahrungen, die in der Schule und solchen die in der Familie gesammelt werden, festgestellt. Die kognitive und die emotionale Dimension des Geschichtsbewusstseins blieben unverbunden, was, so Welzer, ein Licht darauf werfe, „wieso Aufklärungsprogramme über die NS-Vergangenheit gegen das Fortdauern romantischer und verklärter Vorstellungen über eben diese Vergangenheit selbst dann nichts ausrichten, wenn sie funktionieren“ (Welzer 2002, 13).

Rommelspacher entdeckt entgegen der in der Welzer-Studie behaupteten emotionalen Neutralität zum offiziellen Wissen, dass diverse Informationen die Shoah betreffend deutlich negativ besetzt sind. So sprachen Schülerinnen davon, sie seien in der Schule mit dem Thema „bombardiert“ worden. Andere finden, der Nationalsozialismus sei „zum Kotzen“ häufig `dran` gewesen (vgl. Rommelspacher 1993, 17). In den Familien wird das Thema Nationalsozialismus aber keineswegs rundweg ausgespart, sondern nur die Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung der Juden und Jüdinnen. Die Tätergeneration erzählt, wahrscheinlich auch bestärkt durch den öffentlichen Diskurs, wieder vermehrt von der Ost- und der Heimatfront, von Hunger, Marken, Bunkern, Bombennächten, Gefangenschaft. Welzer hat dabei fünf „Tradierungstypen herausgearbeitet: „Opferschaft, Rechtfertigung, Distanzierung, Faszination und Überwältigung“ (Welzer 2002, 81).

Im Verlauf des intergenerationellen Gesprächs, das heißt der innerfamilialen Tradierung, werden jeweils von den Kindern, die wenigen Tat- und Schuldeingeständnisse der Großeltern derart uminterpretiert, dass die Großeltern zum Schluss mit weißer Weste dastehen. Welzer nennt diesen Vorgang „kumulative Heroisierung“ (Welzer 2002, 205). Aus „Antisemiten werden Widerstandskämpfer und aus Gestapo-Beamten Judenbeschützer“ (Welzer 2002, 11). Die negativen Anteile der Großeltern werden verdrängt, sie gehen nicht in das Familiengedächtnis ein. Den Persilschein stellen sich dabei gar nicht nur die Großeltern selbst aus, indem sie bestimmtes Wissen oder eigene Taten verschweigen, sondern die Enkel übernehmen dies, indem sie die wenigen selbstkritischen Äußerungen schlicht ignorieren, in ihr Gegenteil verkehren oder jede noch so entfernte Möglichkeit, die Großeltern zu entschuldigen, begierig aufnehmen. Die Enkel ‚schlucken’ auch völlig widersprüchliche Aussagen und „hanebüchenen Unsinn“ ihrer Großeltern (Welzer 2002, 209). Kritische Nachfragen bleiben aus, stattdessen werden die erzählten Geschichten einfühlend zu moralischen Gunsten der Vorfahren weitergedacht oder gar umgedeutet.

Zum Schluss sind „Deutsche und Nazis zwei völlig verschiedene Personengruppen, die nur im pragmatischen Grenzfall in Deckung kamen: wenn etwa unsere Zeitzeugen ... in die ‚Partei eintreten mussten’, für die Gestapo ‚arbeiten mussten’, in den Krieg ‚gehen mussten’ oder der Verfolgung – und nur dieser – ‚zusehen mussten’. Das alles haben sie aber nicht aus Überzeugung getan, sondern weil ‚man’ das damals machte oder weil man damit Schlimmeres verhüten konnte...“ (Welzer 2002, 205).

10. Juden und Nazis
Neben den üblen Nazis und den heroischen deutschen Opfern gab es noch eine weit seltener erwähnte Gruppe. Welzers Studie zeigt, dass „in deutschen Familien ein Bewusstsein über die nationalsozialistische Vergangenheit tradiert wird, in dem die Vernichtung der europäischen Juden nur als beiläufiges Nebenereignis vorkommt. ... Der Holocaust hat keinen systematischen Platz im deutschen Familiengedächtnis, das ... die primäre Quelle für das Geschichtsbewusstsein ist.“ (Welzer 2002, 210).

Die Unsichtbarkeit hält bis in die Gegenwart an. Rommelspacher spricht von einem „Unsichtbar-Machen“ der Juden. Sie wird auf zweierlei Arten erreicht. „Juden und Jüdinnen werden in ihrer Lebensrealität nicht als solche wahrgenommen, denn sie werden an einer stereotypen Vorstellung vom Judentum gemessen. Wenn sie dieser nicht entsprechen, dann sind sie keine Juden. Zu denjenigen, die dem Stereotyp entsprechen, wird die Beziehung abgebrochen oder gar nicht erst aufgenommen“ (Rommelspacher 1993, 51).

Juden gibt es demnach nicht in der privaten Erfahrungswelt, sondern in der Öffentlichkeit und dort nur als Stereotyp. Darin liegt eine erstaunliche Parallele zu der Wahrnehmung von Nazis, die man vielleicht im Geschichtsunterricht, also im weiteren Sinne in dem durch Öffentlichkeit strukturierten Raum antrifft, nicht aber im privaten Nahbereich. Mit Nazis und Juden hatten und haben „wir“ letztlich nichts zu tun. Das ist die Art, wie sich volksgemeinschaftliches und antisemitisches Denken bis heute überdauert hat.

Das, was einstmals Volksgemeinschaft hieß, wird heute häufig einfach als „wir“ oder „Deutschland“, „Standort“ oder „Fabrik“ bezeichnet. Individuell reinigt sich das Subjekt von Widerspruch, Konflikt und Ambivalenz durch Abspaltung und Projektion missliebiger oder moralisch diskreditierter Merkmale und Eigenschaften, sie können in „Nazis“ und „Juden“ deponiert werden. Kollektiv werden zunehmend die USA als Container genutzt, in der der Kapitalismus oder gar Nazis herrschten, während Deutschland (äquivalent in zunehmendem Maße auch Europa) als sozial, ökologisch und politisch als „sauber“ phantasiert wird.

Die verunglimpfte US-Fahne auf dem Plakat entspricht diesem Denken: Die USA können nun gleichzeitig Nazis und Juden sein, symbolisiert in Hakenkreuz und Davidstern.


Literatur:

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