Der Alltag des Antisemitismus
TEIL 1
Von Lutz Eichler & Marion Müller Kirchof
1. Einleitung: „Gibt es...?“ und „Wie hoch...?“
Probleme der Messbarkeit antisemitischer Vorurteile
Gemeinhin sind ForscherInnen darauf angewiesen, dass es eine Art – wie auch immer diffusen – Konsens darüber gibt, dass ein Forschungsgegenstand überhaupt existiert. Bindestrichsoziologien können sich im Allgemeinen darauf verlassen, dass es diesen Konsens gibt: Niemand würde bestreiten, dass Bildung oder Organisationen, Familie oder Emotionen existierende soziale Größen sind. Die erste Schwierigkeit der Antisemitismusforschung liegt im Dissens über die Existenz des Phänomens selbst. Bereits das Wort Antisemitismus kann emotionale Reaktionen auslösen, die für andere Gegenstandsbereiche wissenschaftlicher Forschung fern liegen. Wird Antisemitismus nicht per se geleugnet, kann sein Ausmaß und seine Relevanz bezweifelt werden, nicht nur am Stammtisch, sondern auch in der wissenschaftlichen „community“.
Erst seit zwei bis drei Jahren - unter anderem angeschoben durch die internationalen Konferenzen in Stockholm und Berlin - scheint Antisemitismus als Problem weltweit erkannt worden zu sein. Auch in Deutschland hat sich inzwischen ein gewisses Problembewusstsein eingestellt. Bisher hatte die Forschung und die Bildungsarbeit zu Nationalsozialismus, Rechtsextremismus und selbst die Holocaust education Antisemitismus als affektive und kognitive Form und Basis erstaunlich wenig thematisiert. Eine Bildungsarbeit explizit gegen Antisemitismus gibt es tatsächlich erst seit einigen Jahren und die pädagogische Forschung dazu steckt noch in den Kinderschuhen. Die Konzepte stammen meist aus anderen bereichen und werden von dort auf das Phänomen Antisemitismus übertragen, bzw. Antisemitismus als ein Epiphänomen unter andere Themen subsumiert. Zu nennen wären hier Rechtsextremismus, Menschenfeindlichkeit, Rassismus oder ein kulturell bzw. religiöser Dissens zwischen Gruppen. Antisemitismus, das soll im folgenden gezeigt werden, ist aber nicht nur ein Phänomen eigener Art, beschränkt sich nicht nur auf politische oder gesellschaftliche Randgruppen, nur dort ist er besonders leicht zu erkennen, sondern gehört leider zum Inventar unserer Zivilisation insgesamt, er markiert die Grenze der Aufklärung. Die These, dass Antisemitismus letztlich bereits in der Art der Zivilisation und Vergesellschaftung angelegt ist und sich in der Struktur der Subjekte in Form von Beschädigungen niederschlägt, hatte seit den Dreißiger Jahren Kritische Theorie vertreten. Im Anschluss an diese Forschungstradition lassen sich auch aktuelle Erscheinungen des Antisemitismus erhellen und womöglich bildungspolitische Richtlinien und pädagogische Konzepte entwickeln.
Während in anderen Weltregionen Juden bereits wegen ihres Jüdischseins angegriffen werden, in manchen Ländern Antisemitismus zur Staatsraison gehört (Iran, Syrien), in Frankreich Synagogen angezündet wurden, scheint die Lage in Deutschland noch relativ ruhig. Zwar werden auch hier Friedhöfe geschändet, sind vom Kindergarten bis zur Synagoge Orte jüdischen Lebens zu Sicherheitstrakten ausgebaut und müssen RepräsentantInnen jüdischer Gemeinden sich mit Bodyguards umgeben, doch zu unmittelbar gewalttätigen Übergriffen kommt es noch verhältnismäßig selten. Antisemitismus manifestiert sich in Deutschland eher in privaten Gesprächen, verbirgt sich hinter Anmerkungen zur Politik Israels, tritt also als Antizionismus auf, äußert sich in der Ablehnung einer vermeintlich ‚übertriebenen Vergangenheitsbewältigung’ als sekundärer Antisemitismus oder scheint hinter einer bestimmten manichäischen Form der politisch-ökonomischen Erklärung gesellschaftlicher Mißstände (sog. struktureller Antisemitismus) auf. Er verbleibt durch oberflächliche moralische Ächtung meist latent (vgl. Bergmann 2005). Das Latente sucht sich durch so genannte Umwegkommunikationen heute wieder verstärkt zu artikulieren. Antisemitismus sucht sich „Opportunitäts- und Gelegenheitsstrukturen“ (Rensmann 2004, 180ff.), um im öffentlichen Raum aufzutreten.
2. Antisemitismus als Teil der politischen Kultur Deutschlands
Jenseits des Ressentiments ist es tatsächlich schwierig, Antisemitismus hieb- und stichfest nachzuweisen, geschweige denn drastisch zu beweisen. Die üblichen Methoden der empirischen Sozialforschung wie Verifikation und Reliabilitätsprüfung erweisen sich schnell als kaum anwendbar.
So sollten die ProbandInnen des Sigmund-Freud-Instituts zur Behauptung: „Ich kann es gut verstehen, dass manchen Leuten Juden unangenehm sind“ Stellung beziehen. 36% der Deutschen fanden diese Äußerung verständlich. Auf die Frage „Die Juden sind daran schuld, dass wir so große Weltkonflikte haben, reagierte jeder Fünfte positiv “ (Sigmund-Freud-Institut 2002). Ließe sich aus diesem Ergebnis das Ausmaß des Antisemitismus ableiten? Könnte man ohne Willkür behaupten, man habe von 20-36% Antisemiten in Deutschland im Jahr 2002 auszugehen? Wenn nicht, wäre es der Fall, wenn weitere fünf wissenschaftliche Institute auf vergleichbare Ergebnisse kämen?
3. Die Längsschnittstudie des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung „Deutsche Zustände“ („Heitmeyer-Studie“)
Anhand der bekannten und viel beachteten Studien des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung möchte ich Ihnen zeigen, auf welche Schwierigkeiten und Grenzen traditionelle Theorie und Sozialforschung stößt, um Ihnen dabei die Vorteile eines psychoanalytisch informierten kritisch-theoretischen Zugangs nahe zu bringen.
Heitmeyer und seine Mitarbeiter untersuchen „den ‚klimatischen‘ Zustand dieser Gesellschaft“ (Heitmeyer 2005a, S.9) durch repräsentative Surveys mit ca. 3000 Personen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass das „dominierende Selbstverständnis von einer aufklärerischen Selbstgewißheit gekennzeichnet“ sei, „die keiner Überprüfung“ standhält (Heitmeyer 2005a, 10). Infolge der politischen Debatte um Antisemitismus haben sie in der neuesten, dritten Folge ihres Langzeitprojektes „Deutsche Zustände“ einen besonderen Schwerpunkt auf diese Problematik gelegt. Das Bielefelder Institut untersucht „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“. Darunter verstehen die Forscher die Abwertung und Ausgrenzung von Personen aufgrund ihrer gewählten oder zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit. Von Menschenfeindlichkeit im Unterschied zur Fremdenfeindlichkeit wird geredet, da „nicht nur Personen fremder Herkunft mit Feindseligkeit konfrontiert sind, sondern auch Menschen gleicher Herkunft, deren Verhaltensweisen oder Lebensstile in der Bevölkerung als ‚abweichend’ von einer als beruhigend empfundenen Normalität interpretiert werden“ (Heitmeyer 2005b, 14). Sieben Elemente werden unter diesem Term zusammengefasst: biologistischer Rassismus, kulturalistische Fremdenfeindlichkeit, Heterophobie, als Abwertung und Abwehr von Homosexuellen, Obdachlosen und Behinderten und Menschen die anderweitig von der Normalität abweichen, Islamophobie, Etabliertenvorrechte, Sexismus und Antisemitismus, der als „auf die jüdische Gruppe und ihre Symbole gerichtete feindselige Mentalität“ (Heitmeyer 2005b, 15) definiert wird.
Ungleichwertigkeit sei die gemeinsame Eigenschaft aller Elemente, die zu einem Syndrom gehörten. Die einzelnen Elemente seien nicht unabhängig voneinander, sondern gruppierten sich einerseits um diesen Kern der Ungleichwertigkeit, andererseits richteten sich die feindseligen Einstellungen nicht nur gegen eine, sondern vielfach gegen mehrere Gruppen. Heitmeyer schließt hier zumindest im Sprachgebrauch an die „Authoritarian Personality“ (Adorno 1953) an. Dort wurde festgestellt, dass „wer Feindschaft zeigt gegenüber einer Minderheitengruppe, ... sie wahrscheinlich auch gegen die meisten anderen [hegt]“ (Adorno 1995, 12). In der Studie wird ein Gesamtanstieg der Menschenfeindlichkeit registriert, der „insbesondere auf Personen zurückzuführen ist, die sich selbst der politischen Mitte zuordnen ... In der Mitte verschieben sich also die Normalitäten“ (Heitmeyer 2005b, 20).
Die Ergebnisse der quantitativen Forschung zum Antisemitismus ergaben, relativ zu anderer Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, niedrige Prozentzahlen. Antisemitismus stieg laut dieser Studie in Ostdeutschland von 12 auf 13% und im Westen von 13 auf 15%. Die Fragen bzw. Items waren jedoch, ebenso wie in der Studie des Sigmund-Freud-Instituts, sehr direkt formuliert: „Juden haben in Deutschland zuviel Einfluß“ und „Durch ihr Verhalten sind die Juden an ihrer Verfolgung mitschuldig“ (Heitmeyer 2005b, 22). Geht man von der These der Kommunikationslatenz aus, scheinen die Items kaum geeignet, das Ausmaß antisemitischer Einstellungen zu messen. Offenbar wurde eher ermittelt, wie stark die „Vorurteilsrepression“ bereits aufgeweicht ist, d.h. wie viel Befragte sich nicht mehr an das offizielle Tabu antisemitischer Äußerungen gebunden fühlen.
4. Antisemitismus als Teil des kulturell-politischen Klimas in der Bundesrepublik. Die Studie von Lars Rensmann „Demokratie und Judenbild“
Auch Lars Rensmann untersucht Antisemitismus als Teil eines kulturellen politischen Klimas. Eines der wichtigen Kennzeichen dieses Klimas sei, sich nicht in offiziellen, im engeren Sinne politischen oder gar rechtsförmigen Regelungen, Institutionen oder Organisationen zu manifestieren. Lars Rensmann fasst dieses Phänomen unter dem Ausdruck des kulturellen Codes bzw. der Chiffre. Der Code „bezieht sich ... auf Formen und Wirkungsweisen von Antisemitismus unter Bedingungen der Demokratie, in der ein offener oder manifester Antisemitismus weitgehend als illegitim und inopportun gilt bzw., wie in Deutschland, Straftatbestände wie den der Volksverhetzung erfüllt. Codierte, verdeckte oder latente Formen des Antisemitismus sind solche, die auf der Ebene der politischen Agitation (Angebotsseite) sich nicht offen/manifest darstellen, sondern vor allem mit impliziten Anspielungen auf tradierte Bedeutungshöfe und Vorurteile operieren, auf der Ebene der politischen Rezeption (Nachfrageseite) oft un- oder halbbewusste, in eine Kommunikationslatenz abgedrängte Ressentimentstrukturen katalysieren, sich aber dabei noch im Raum des öffentlich Sagbaren in der Demokratie bewegen können. Die Grenzen jenes ‚Sagbarkeitsfeldes’ können sich allerdings selbst verschieben“ (Rensmann 2004, 78). Die beiden so unterschiedlichen Studien von Heitmeyer und Rensmann treffen sich also zunächst in der Diagnose, dass Antisemitismus sich meist zum Auftritt ein Gewand anlegt. Daraus folgt bei Rensmann aber auch ein verändertes methodisches Vorgehen, wie sich zeigen wird. Direkt an Meinungsumfragen orientierte Erhebungen sind kaum geeignet, Antisemitismus zu erfassen. Stattdessen müssen bspw. Codes und Bilder entschlüsselt werden, die von den Betroffenen zudem in meist unbewusster Weise kolportiert werden.
4.1. Die Kommunikationslatenz des Antisemitismus
Antisemitismus gilt in Deutschland als verpönt. Kaum jemand behauptet von sich, Antisemit zu sein und nahezu jeder würde eine solche Behauptung als Vorwurf verstehen und weit von sich weisen. Tatsächlich muss man davon ausgehen, dass den Antisemiten ihr Antisemitismus selten überhaupt und nie ganz bewusst ist. Das Vorurteil trägt immer unbewusste, reflexionslose Anteile mit sich. In gewisser Weise kommunizieren Antisemiten untereinander über ihr Unbewusstes, das hat die Erforschung des Zusammenspiels von Rednern und ihrem Publikum bei faschistischen und antisemitischen Propagandaveranstaltungen ergeben (vgl. Adorno 1971; Löwenthal 1990). Der Sprecher codiert seine Meinungen und spricht dabei latente Wünsche seines Publikums an. Gerade versteckte Andeutungen locken mit ihrer Vagheit, die „ein ungebremstes Spiel der Imagination erlauben und zu allen möglichen Formen der Spekulation“ einladen“ (Rensmann 2004, S.79). Beispielsweise können unbestrittene soziale, kulturelle und politische Erscheinungen, die Juden betreffen, in vorurteilsbeladene Aussagen einbezogen werden, um sich den Anstrich von Rationalität zu verschaffen. Ein Satz, wie „viele Juden in Deutschland unterstützen Israel“ oder „der Anteil der Juden unter den Regisseuren Hollywoods ist hoch“, könnten empirisch überprüfbare Tatsachenurteile und emotional und moralisch wertfrei, aber auch judenfeindlich gemeint sein. Oft lässt sich der Gehalt einer Aussage nur in seinem situativen und semantischen Kontext beurteilen. Dabei muss jenseits der Analyse der bewusst intendierten Kommunikation auf un- oder vorbewusste symbolische Formen geachtet werden, die im Rückgriff auf Mythen und tradierte Bilder mit antisemitischem Gehalt genutzt werden.
Der versteckte Antisemitismus hat seinen Grund auch in einem offiziellen Tabu. Adorno sprach dem Krypto-Antisemitismus, wie er das Phänomen nannte, ein gefährliches Potential zu, da aus dem Tabu gegen den Antisemitismus gerade ein Argument für ihn gemacht wird. Die Meinung, man dürfe gegen Juden heute nichts sagen, lässt erstens vermuten, dass an dem, was man gegen sie sagen könnte, etwas dran sein müsse. Zweitens handelt es sich um eine Opfer-Täter-Verkehrung. „Wirksam ist hier ein Projektionsmechanismus: dass die, welche die Verfolger waren und es potentiell heute noch sind, sich aufspielen, als wären sie die Verfolgten“ (Adorno 1997c, S.368). Und drittens spielt es die Kritik der Stereotypie gegen das Tabu selbst aus. Der Schutz der Juden qua Tabu sei selbst Stereotyp, der Tabubrecher hingegen aufgeklärt.
Die geschichtliche Durchsetzung des Tabus erfüllte in Deutschland zudem eine politische Funktion. „Sie hängt historisch mit externen und internen Integrationserfordernissen der Bundesrepublik zusammen, denn das Zulassen einer offenen Kommunikation der Judenfeindschaft hätte nach 1945 das Ausland an der politischen Umorientierung und Demokratisierung des Landes zweifeln lassen. Die Staatsraison erforderte also ihre negative Sanktionierung bzw. bestimmte Regeln des Wegsehens oder der Bagatellisierung“ (Bergmann 2005, 226). Noch heute ist eines der ersten „Argumente“ von offizieller deutscher Seite gegen offen antisemitische Äußerungen, es schade dem Ansehen Deutschlands im Ausland. Dass damit in erster Linie Juden und Jüdinnen in Deutschland Schaden zugefügt und darüber hinaus das gesellschaftlich-politische Klima beeinträchtigt wird, scheint offenbar nur eine zweitrangige Rolle zu spielen. Zudem schaden solche Äußerungen leider nie dem Ansehen Deutschlands im Inland.
Anti-Antisemitismus war in der alten Bundesrepublik ‚verordnet‘, vergleichbar mit dem ‚verordneten‘ Antifaschismus der DDR, d.h. dass Anti-Antisemitismus und Antifaschismus jeweils aus außenpolitischen Gründen zur Staatsraison gehörten.
4.2. Durchbrechungen der Kommunikationslatenz
Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten, die europäische Integration, der Aufstieg der EU zu einem eigenständigen weltpolitischen Akteur und die Distanzierung gegenüber den USA schwächt auch den Druck auf die innenpolitischen Erfordernisse der Westintegration Deutschlands. Das außenpolitische Interesse an der Kommunikationssperre löst sich langsam auf. Die Anerkennung Deutschlands muss nicht mehr über normative Verhaltensstandards gegenüber „dem Ausland“ eingeworben werden, sondern basiert auf ökonomischer und – vermittelt über die EU-Integration – auch zunehmend auf militärischer Stärke. Zudem attestieren sich manche Politiker und Wissenschaftler ein ‚beispielloses‘ und ‚einzigartiges‘ Modell der ‚Vergangenheitsbewältigung‘, das weltweit seinesgleichen suche. Daraus wird erstens abgeleitet, dass es keinen aktuellen Handlungsbedarf zur Bewältigung der Vergangenheit mehr bedürfe und zweitens, dass das erfolgreiche Bewältigungsmodell auch anderen anempfohlen werden könne und müsse (vgl. Rensmann 2004, 217, FN 669). Deutschland kann sich so als besondere moralische Autorität gerade wegen Auschwitz inszenieren und Kritik am deutschen geschichts- und erinnerungspolitischen Modell vorab mit dem Hinweis ‚jeder solle zunächst vor der eigenen Tür kehren’, abwehren.
Insgesamt beantworten Bergmann und Heitmeyer ihre forschungsleitende Frage „Verliert die Vorurteilsrepression ihre Wirkung?“ zustimmend. Die Kommunikationslatenz erodiere aus mehreren Gründen, die sich aus dem „Zusammenspiel von Elitendiskursen und Einstellungsentwicklungen ergibt“, die Historisierung der nationalsozialistischen Judenvernichtung, Formen der Umwegkommunikation und Selektivität, Tabukritik und Entlastung durch ‚Europäisierung‘ des Holocaust (vgl. Bergmann 2005, 224). An erster Stelle der Umwegkommunikationen steht die sog. Israelkritik, zu der ich später kommen möchte. Die zweite Art der „Latenzdurchbrechung“ sehen Bergmann und Heitmeyer darin, dass nicht alle Juden ‚kritisiert’ werden, sondern man sich verschwörungstheoretisch auf einige wenige vermeintlich mächtige Juden in Israel und/oder den USA beschränkt (z.B. Israels Premierminister Sharon). Vorurteile versuchen, sich rational zu geben und schließen an empirische Evidenzen an. Die reale, verhältnismäßig enge politische und militärische Bindung zwischen den USA und Israel wird als heimliche Verschwörung und gegenseitige Instrumentalisierung phantasiert: Entweder sei Israel Brückenkopf des US- Imperialismus im Nahen Osten oder die US-Politik stehe unter dem Diktat einer einflussreichen jüdisch-zionistischen Lobby.
Bei einer weiteren Möglichkeit, sich antisemitisch zu äußern, ohne sofort und offensichtlich als Antisemit zu erscheinen, dient die Berufung auf den israelischen Staat als Mittel der Umwegkommunikation. Mitarbeiter des Bielefelder Instituts haben versucht Kriterien zu entwickeln, die feststellen, sollen unter welchen Bedingungen Kritik an Israel als antisemitisch zu bezeichnen sei: „1. die Aberkennung des Existenzrechts Israels und des Rechtes auf Selbstverteidigung, 2. historische Vergleiche der israelischen Palästinenserpolitik mit der Judenverfolgung im Dritten Reich, 3.die Beurteilung der israelischen Politik mit einem doppelten Standard: Man verurteilt bestimmte politische Maßnahmen in Israel, jedoch in anderen Ländern nicht, 4. die Übertragung antisemitischer Stereotype auf den israelischen Staat. Israel wird zum ‚kollektiven Juden’ gemacht. Eigenschaften, die normalerweise der Abwertung der Juden dienen, werden auf Israel projiziert“ (Heyder 2005, 145f.) Hierzu zählen sie auch den umgekehrten Fall, also die Übertragung der Kritik an der Politik Israels auf alle Juden, d.h. die Annahme einer jüdischen Kollektivschuld für die Politik Israels.
Als besonders auffällig kann dabei gelten, dass insbesondere die unter 2 angeführte NS-vergleichende Israelkritik große Zustimmung erhielt. 68,3 resp. 51,2% der Befragten waren von der Richtigkeit von Aussagen wie „Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ und „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderen als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben“ (Heyder 2005, 151f.) überzeugt. Items für das dritte Kriterium, also die Unterscheidung zwischen Antisemitismus und legitimer Kritik an der aktuellen israelischen Politik, werden leider nicht angeführt.
Mir scheint schon der Titel „Israelkritik“ eigentümlich. Ähnliche Termini wie Syrien-, Sudan-, China- oder gar Deutschlandkritik sind mir nicht geläufig. Auch die hohe affektive Besetzung der israelischen Palästinenser-Politik steht in keinem Verhältnis zu diesem, nüchtern betrachtet, im Weltmaßstab ziemlich kleinen und unbedeutenden Land.
5. Antisemitismus als Aggression aufs Nicht-Identische
Korrelationen zwischen verschiedenen Items erklären noch keinen ursächlichen Zusammenhang. Das Gemeinsame von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus usw. soll in der Bielefelder Studie die „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ sein. Diese wird definiert als Abwertung der Fremdgruppe, um die Eigengruppe aufzuwerten. Die Besonderheit des Antisemitismus (und seine besondere Gefährlichkeit) liegt jedoch in der spezifischen Auf- und gleichzeitigen Abwertung der Juden gegenüber der Eigengruppe, in diesem Falle der Deutschen. Antisemitismus konstruiert Bilder des Jüdischen als das ganz Andere und als überlegen, als Bedrohung durch eine feindliche Übermacht. Während im Rassismus der Andere als trieb- und naturhaft dargestellt wird und der eigenen Rasse/Kultur/Ethnie/Eigengruppe ein höherer Grad an Zivilisiertheit zugesprochen wird, steht „der Jude“ gerade umgekehrt für Modernität, Zivilisation und Kapitalismus. „Der Jude“ wird identifiziert mit Kapital, Geld, Intellekt, List. Er steckt hinter den Erscheinungen, deshalb verbindet sich Antisemitismus häufig mit Verschwörungstheorien. Seine Macht ist global, ortlos, abstrakt, unsichtbar. Auf den Juden werden die negativen Seiten der kapitalistischen Moderne, des Zivilisationsprozesses insgesamt projiziert und personifiziert (vgl. dazu Postone 1992). Während Rassismus sich häufig mit Modernisierungs- und Fortschrittsideen verbindet, die autoritär gegen die Fremdgruppe umgesetzt werden sollen, geht Antisemitismus mit einer rebellischen, antimodernen, antizivilisatorischen und antikapitalistischen Haltung und Rhetorik einher. Obwohl es auch einen antijüdischen Rassismus gibt, heute meist kulturalistisch, ist das zentrale und besondere Element des modernen Antisemitismus, dass Juden im antisemitischen Bild der Zivilisation nicht nur nach unten, zur unbeherrschten Natur, sondern auch nach oben, zum Geist hin abweichen.
Antisemitische Vorurteile haben demnach gegenüber z.B. rassistischen Stereotypen andere gesellschaftlich-politische und – das soll später gezeigt werden - psychische Funktionen.
Juden personifizieren im Blick des Antisemiten alle undurchschauten, als verunsichernd und bedrohlich erlebten wirtschaftlichen, politischen, subjektiven und gesellschaftlichen Phänomene (Rensmann 2004, S.129). Nur der Antisemitismus, und nicht der Rassismus oder andere Vorurteilskomplexe, ist in der Lage, eine verdinglichte und personifizierte Welterklärung zu liefern. Klaus Holz, der antisemitische Semantiken analysierte, stellt heraus, dass „der Jude“ immer eine „Figur des Dritten“ sei. „Der Jude als Dritter transzendiert, bedroht und zersetzt die binäre Unterscheidung zwischen uns und anderen“ (Holz 2005, S.11). Da die Welt national, früher rassisch, heute religiös, ethnisch oder kulturell geordnet wird, muss der Dritte aus der Welt gerückt werden. Er ist Antagonist aller Wir-Gruppen, Verschwörer und Zersetzer naturgegebener binärer (wir und alle anderen) pluraler Ordnung. Der Antisemit kann mit anderen Identitäten leben, der multikulturalistische sogar mit Vermischungen und sog. Hybriden, was ihn aber zum Rasen bringt, ist das Nicht-Identische, das was nicht auf einen identischen, vermeintlich authentischen Nenner zu bringen ist.
Für eine Bildungsarbeit gegen Antisemitismus ergibt sich aus dieser Perspektive, dass sog. Identitäten, kulturelle, ethnische oder religiöse, nicht gestärkt werden sollten, sondern gerade in Frage gestellt werden müssen. Antisemitismus basiert nicht auf mangelnder Anerkennung einer jüdischen Identität, ist auch kein Defizit eigener Identität, sondern beruht auf der Abspaltung und Projektion von Nicht-Identität. Zu reflektieren wäre gerade der Zwangscharakter von Identitäten, die Festschreibung von Zuweisungen, die Zurückführung auf vermeintliche kulturelle oder ethnische Wurzeln. Zu stärken wäre hingegen die Individuation, die – sicher behutsame – Ab- und Herauslösung aus vermeintlichen Kollektiven, die Bewusstwerdung, Reflexion, Symbolisierung und Artikulation von inneren wie äußeren Konflikten, von Widersprüchlichkeit und Ambivalenz.
Ich denke, dass wir im Begriff der Identität, wie er uns heute allenthalben in ganz unterschiedlichen Debatten unterkommt und der aber so unterschiedliche, ja entgegengesetzte und widersprüchliche Bedeutungen hat, einen der „Knackpunkte“ postbürgerlicher Vergesellschaftung und damit vermittelt auch des Antisemitismus vor uns haben. Eine Auseinandersetzung einerseits mit Identität, dem Bedürfnis nach Identität und andererseits nach Individuation, ist vielleicht der wichtigste und zugleich schwerste Part einer Bildungsarbeit gegen Antisemitismus. Das identitäre Bedürfnis zu kritisieren geht dabei an affektive und emotionale Strukturen, die Ich-Schwache nur schwer ertragen, für die es auch der Herstellung eines speziellen Raums und einer Atmosphäre bedarf, die in Bildungseinrichtungen schwer möglich ist.
6. Struktureller Antisemitismus: Psychische und politisch-ökonomische Dimensionen des Antisemitismus, erläutert an einem aktuellen Beispiel
Die Macht, die dem Juden zugeschrieben wird, ist abstrakt. Im Gegensatz zu anderen rassistischen Feindbildern, bspw. des „Zigeuners“, „Polen“ oder „Türken“ ist das Besondere des antisemitischen Stereotyps, dass „der Jude“ nicht eine nur andere, untergeordnete Rasse darstelle, sondern die Gegenrasse zu allen anderen. Das Jüdische stellt ein Gegenprinzip schlechthin dar. Juden wird eine weltbeherrschende, sogar das Jenseits beherrschende Macht zugeschrieben (sie sind in der Lage Gott zu töten), sie stehen hinter dem Kapitalismus genauso wie hinter dem Kommunismus. Sie sind verantwortlich für die negativen Seiten der Globalisierung, für McDonaldisierung und Hollywoodisierung. Hinter allen Kräften, die zum Niedergang traditioneller Werte und Institutionen beitragen“, stecke „der Jude“. Zum abstrakt-allgemeinen Bild des Juden steht das deutsche Selbstbild dazu komplementär: natürlich und konkret. Ein Beispiel: ”Befreiung von der ewigen Zinsknechtschaft denn sie ist undeutsch. Der ewige Zinseszins, eine undeutsche Erfindung, verleiht dem Gelde eine Übernatürlichkeit, die es einer verschwindenden Minderheit erlaubt, selbst arbeitslos von unserer Arbeit zu leben, uns so immer tiefer in die mammonistische Zinssklaverei hineinstoßend. Was aber einer im Schweiße seines Angesichts ehrlich erworben hat, sein Arbeitskapital, das soll ihm und den seinen erhalten bleiben, während das Leihkapital verschwinden muß. Mit einem Worte, wir fordern endlich Befreiung von allem Fremden und Zersetzendem”. So formulierte es 1919 der Deutsch-Völkische Schutz- und Trutzbund, Ortsgruppe Nürnberg auf einem Flugblatt.
Wir haben hier alle wesentlichen Bestimmungen beisammen, welches das moderne antisemitische Feindbild bereithält, ohne - ist es ihnen aufgefallen? – ohne „den Juden“ nennen zu müssen.
6.1. Die Bilder- und Traumwelt des Antisemitismus
Im strukturellen Antisemitismus werden nicht die Juden als Störenfriede angeprangert, sondern nur noch die ehemals als jüdisch charakterisierten Qualitäten. Diese gelten ohne spezifisch kenntlich gemachte Träger als Repräsentanten der Bedrohung. Der Antisemitismus verselbständigt sich gleichsam gegenüber konkreten Juden. Das kann man sehr anschaulich an den stereotypen Bildern der Heuschrecke oder der Mücke erkennen, die in den letzten Monaten in Gewerkschaftskreisen und der meist sich links verstehenden Presse auftauchen. Zunächst wird eine dichotome, manichäische Unterscheidung konstruiert: „Wir“ und „die“. In der Karikatur des IG Metall Monatsmagazins „metall“ etwa, wird das „Wir“ symbolisiert durch eine Fabrik mit rauchendem Schlot. Die Fabrik steht für Produktion, „Arbeitskapital“ hätte der Nürnberger Schutz- und Trutzbund gesagt. Sie ist friedlich. Der rauchende Schlot vermittelt heimelige Wärme. In der Fabrik, im Haus wohnt die Familie, die Nation, der reine Volkskörper. Das „Zweite“ wäre nun eine weitere Fabrik, die in Konkurrenz zur Ersten stünde. Diese findet sich aber nicht in der Karikatur, sondern, in Klaus Holz Terminologie, „das Dritte“: die Mücke. Sie steht für Geld, Reichtum, Leihkapital. Dies Insekt ernährt sich bekanntlich nicht, indem es seinen Unterhalt durch Arbeit verdient (wie bspw. die Ameise), sondern sie „sticht“, sie beschmutzt die Reinheit und „saugt“ Blut, diesen ganz besonderen, mythenumwobenen Saft. Um Blut kreist seit dem Mittelalter ein Großteil antisemitischer Bilder und Mythen, von der Ritualmordbeschuldigung und der Hostienschändung bis zur nationalsozialistischen Blutschande und Rassenhygiene.
Die Mücke grinst auf diesem Bild hämisch, weil sie andere für sich in der Fabrik arbeiten lässt, den Gewinn abschöpft und dann ihr Opfer einfach liegen lässt und - hier wird an den Ahasvermythos angeschlossen - weiter fliegt. Der Jude ist zur ewigen Wanderung verdammt – hier trifft sich auch die Mückenmetapher mit der der Heuschrecke. Mücke, Heuschrecke, Jude, sie werden bald weiterziehen, denn sie kennen keine Heimat, sind nicht bodenständig, schollenverbunden, sondern wurzellos.
Die Mücke tut recht freundlich – sie lüftet den Zylinder zum Gruß – aber wir wissen, dass das oberflächlich ist, „unehrlich“, hinterlistig, verschlagen. In ihren Augen blinken Euro-Zeichen, die Mücke kennt nichts und will nichts außer Geld, sie hat keine Moral. Gegen amoralische Wesen hilft keine Predigt, kein Aufruf ans Gewissen, man muss handeln. Mücken erschlägt man entweder mit der Klatsche oder versprüht Gift.
Der Mücke wird per Emblem eine Fremdgruppe zugeordnet. Die „stars and stripes“ auf ihrem Zylinder, traditionelles Symbol für Kapitalisten und Reiche, geben uns den Hinweis: Die Mücke ist aus Amerika. Dies könnte uns verleiten anzunehmen, dass es sich doch um einen Zweiten, eine Figur des Zweiten im Sinne Klaus Holz, handelt: Amerika als Konkurrent Deutschlands. Doch die USA werden seit ihren Anfängen nicht als gleichwertige Nation oder Kultur unter anderen anerkannt, sondern Amerika steht für reinen, kulturlosen Mammonismus. Die USA seien „kein Staat, sondern eine Vermögensassekuranz“, weiß bereits der Schriftsteller aus dem 19.Jahrundert Nikolaus Lenau. Er gibt den Ton des Antiamerikanismus vor, der deutliche Parallelen zum Antisemitismus hat: „Die Bildung der Amerikaner ist bloß eine ... technische. Hier entfaltet sich der praktische Mensch in seiner furchtbarsten Nüchternheit. Doch ist selbst diese Kultur keine von innen organisch hervorgegangene, sondern eine von außen gewaltsam und rapid herbeigezogene, bodenlose und darum gleichsam mühselig in der Luft schwebend erhaltene. (…) Man meine ja nicht, der Amerikaner liebe sein Vaterland oder er habe ein Vaterland. Jeder einzelne lebt und wirkt in dem republikanischen Verbande, weil dadurch und solange dadurch sein Privatbesitz gesichert ist. Was wir Vaterland nennen, ist hier bloß eine Vermögensassekuranz. Der Amerikaner kennt nichts, er sucht nichts als Geld; er hat keine Idee; folglich ist der Staat kein geistiges und sittliches Institut (Vaterland), sondern nur eine materielle Konvention. ... Merkwürdig ist es, wie die heftigsten Gefühle hier so schnell erkalten. Die Liebe zum deutschen Vaterland geht bei den meisten Eingewanderten sogar in Hass und Verleumdung über. Ich aber bin auf meiner Hut gegen die vampirischen Dämonen, die in diesen Lüften schweben“ (Lenau 1971, 210).
Ich kann die Verbindungen und Unterschiede zwischen Antiamerikanismus und Antisemitismus hier nicht thematisieren (vgl. dazu Diner 2002; Croquembouches 2002; Henningsen 1974). Es sollte aber deutlich geworden sein, dass in diesem Bild auch Amerika amoralisch, unehrlich, nur-technisch – mammonistisch ist.
Ich möchte noch auf ein weiteres Detail dieser an Codes, Metaphern, Vergleichen und Antonymen so reichhaltigen Karikatur aufmerksam machen: Es ist der glänzend blinkende Goldzahn der Mücke. Er soll natürlich zunächst nochmals nachdrücklich auf den arbeitslosen Reichtum hinweisen. Aber ich glaube, es ist gar nicht sonderlich weit hergeholt hier noch etwas anderes unbewusst am Werke zu sehen. Die den ermordeten Häftlingen von Auschwitz herausgebrochenen Goldzähne, von der Firma Degussa eingeschmolzen und in Goldbarren in die Schweiz verbracht, sind aus dem kollektiven Gedächtnis Europas heute nicht mehr wegzudenken. Die Assoziation mit diesem ungeheuren und monströsen Vorgang darf unter keinen Umständen bewusst gemacht werden, hiergegen steht der Widerstand unseres Gewissens. Es ist beängstigend, dass trotz allem dieses Symbol Eingang in die Karikatur finden, alle intrasubjektive Zensur als auch wahrscheinlich eine Redakteurskonferenz umgehen konnte, ganz zu schweigen von einer Reflexion auf solche Konnotationen. Mir scheint der Goldzahn ein deutliches Indiz für eine nicht aufgearbeitete oder besser analysierte Vergangenheit, die als Verdrängte sich hier ihren Weg zu einem Symptom besonderer Qualität gebahnt hat, völlig am bewussten Teil des Ichs vorbei.
Man kann die Karikatur auch auf pathische Projektionen hin untersuchen. Stereotype Bilder wie diese sind wie Traumbilder organisiert. Nach Freud liegt jedem Traum ein Wunsch zugrunde. Der Wunsch ist hier leicht zu erkennen: Man möchte auch mit einem Koffer voll Geld weg fliegen können, sein Auskommen ohne Arbeit haben, vielleicht auch nach Amerika auswandern, der deutschen Enge entfliehen und die Fifth Avenue herunterspazieren. Das ist einem jedoch nach hiesigen moralischen Maßstäben verboten, und was man selbst nicht haben darf, sollen andere auch nicht haben. Wie überhaupt wirkliches oder vermeintlich arbeitsloses Einkommen den Neid und Hass auf sich zieht, kann man in allen möglichen aktuellen politischen Debatten leicht sehen. Der Gegenpart dazu, die „ehrliche“ deutsche Arbeit, wird ganz unabhängig davon, was und wozu sie überhaupt geleistet wird, glorifiziert.
Fliegen ist nach psychoanalytischer Auffassung Merkmal narzisstischer Wünsche. Die Luft, die einen umhüllt und trägt, weckt Gefühle der Geborgenheit, die wir im Mutterleib hatten. Abkömmling dieses primären Narzissmus ist das Ich-Ideal, der Teil des Über-Ichs, an dem wir uns messen und dem wir nacheifern. Unser Sprachgebrauch weist uns den Weg: Wir haben „hochfliegende“ Wünsche und Selbstvorstellungen. Sehen wir uns im Einklang mit unserem Selbstbild, fühlen wir uns allmächtig, uns kann nichts passieren und nichts kann uns aufhalten. Meist jedoch müssen wir uns eingestehen, dass wir nicht an dieses Ideal heranreichen, wir schämen uns dann und fühlen uns hilflos, ohnmächtig.
Die Mücke ist allmächtig, sie kann sich so einfach holen was sie haben will, muss niemandem Rechenschaft ablegen. Die Fabrik ist ohnmächtig, sie ist an moralische Standards gebunden, ist fluguntüchtig und der Mücke ausgeliefert.
Fabrik und Mücke können nun dechiffriert werden als zwei Seiten des narzisstischen Selbst, wobei die eine abgespalten und auf das und als das ganz Andere projiziert werden muss, da es nicht mit den überlieferten Moralvorstellungen vereinbar ist. Es verbleiben die nur-guten Selbstanteile in der Fabrik, die Mücke muss die Container-Funktion für die nur-bösen Selbstanteile übernehmen. In sie werden dabei aber zugleich bestimmte Sehnsüchte, Wünsche und Versprechen mit abgeschoben, die die bürgerliche Gesellschaft verheißt: Reichtum ohne buckeln zu müssen und Mobilität – seit jeher auch ein Zeichen für Individuation. Der oder die Heranwachsende wird flügge, verlässt das Elternhaus, um eigene Erfahrungen zu machen und die Welt kennen zu lernen.
6.2. Raffendes und schaffendes Kapital 2005
Politisch-ökonomisch entspricht der Manichäismus von Fabrik und Mücke dem von schaffendem und raffendem Kapital. In ihr wird die Sphäre der Produktion, die der Zirkulation entgegen gestellt und letztere für die Ausbeutung verantwortlich gemacht. Damit kann die Fabrik, oder die Produktion, als von Macht und Herrschaft frei dargestellt werden. Es handelt sich demnach nicht um eine verkürzte Kapitalismuskritik, sondern um die Affirmation des Kapitalismus, denn nach Maßgabe einer Kritik des Kapitals findet Ausbeutung ja gerade in der Produktionssphäre statt. Die Repräsentanten der Zirkulationssphäre sind nur die Überbringer der schlechten Nachricht. „Die Verantwortlichkeit der Zirkulationssphäre für die Ausbeutung ist gesellschaftlich notwendiger Schein“(Adorno 1988 183).
Bereits in der Erklärung Adolf Hitlers zur Bedeutung der neuen deutschen Fahne findet sich die Grundidee: „Als nationale Sozialisten sehen wir in unserer Flagge unser Programm. Im Rot sehen wir den sozialen Gedanken unserer Bewegung, im Weiß den nationalistischen, im Hakenkreuz die Mission des Kampfes für den Sieg der schaffenden Arbeit, die selbst ewig antisemitisch war und antisemitisch sein wird“.
Dass nun Juden mit der Zirkulationssphäre, dem Markt, identifiziert werden, hängt selbst schon mit der Geschichte des Antisemitismus und des christlichen Antijudaismus zusammen. Juden waren wegen des religiös begründeten christlichen Zinsverbotes einerseits, dem Ausschluss aus Zünften und dem Verbot des Landbesitzes für Juden andererseits im Mittelalter und der frühen Neuzeit in die Zirkulationssphäre gedrängt. Das kann ich hier nicht weiter ausführen (vgl. dazu Claussen 1987).
Für eine Bildungsarbeit gegen Antisemitismus wäre aber die Vermittlung solcher historischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge zentral. Es ist nicht so wichtig, dass Schüler oder Studenten wissen, was genau in der Synagoge passiert, wie eine Bar Mizwa abläuft oder wie koscher gekocht wird, sondern z.B. unter welchen gesellschaftsgeschichtlichen Bedingungen die Judenemanzipation stattfand, oder warum eine Gegenüberstellung von guter ehrlicher deutscher Arbeit und böser, undeutscher Börse mehr als die halbe Miete für einen astreinen Antisemitismus ist.
7. Indikation: Integration?
Die Heitmeyer-Studie stützt ihren Erklärungsansatz zur Genese Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auf das Konzept sozialer Desintegration. Integration beinhaltet drei Dimensionen: erstens eine sozial-strukturelle Dimension, die das Erreichen einer beruflichen Position, den Bildungsstandard und die materielle Existenzsicherung umfasst. Zweitens eine institutionelle Dimension, die politische Partizipation und Einflusschancen beschreibt; und drittens eine sozial-emotionale Dimension, die auf emotionale und soziale Geborgenheit und Einbindung verweist. Man könnte die Integrationsdimensionen der Kürze halber und in anderer Theoriesprache: Ökonomie und Arbeit(also Kapital), Politik und Recht(also Staat) und Familie, Freundschaft und Privatsphäre nennen.
Wenn nun die Teilhabe, Teilnahme und Zugehörigkeit an diesen Integrationsinstanzen nicht oder zu wenig gewährleistet ist oder bedroht wird, wenn es also zu Anerkennungsbedrohungen oder gar –verlusten käme, dann müsse man mit Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit rechnen. In Heitmeyers Worten: „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Gewalt- wie diskriminierungsnahe Verhaltensintentionen (sind) um so ausgeprägter (...), je größer die Desintegrationsbelastungen in unterschiedlichen Teildimensionen mit der Folge einer negativen Anerkennungsbilanz sind.“ (Heitmeyer 2005c, 40, Herv. im Original) Desintegration oder Angst davor sei demnach die Ursache für Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung, mithin auch für Antisemitismus.
Trotz aller Differenzierungen in den Jahren seit der ersten Bielefelder Rechtsextremismus-Studie 1993 bleibt die Kernaussage: Wer weniger integriert ist oder sich weniger integriert fühlt, neige zu höherer Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Es handelt sich also um einen Defizitansatz: Diskriminierendes Verhalten resultiere aus Integrationsmangel. Daraus folgt im Umkehrschluss, dass bspw. Antisemitismus durch erhöhte Integrationsanstrengungen Einhalt geboten werden könnte.
Was auf intrasubjektiver Ebene der Identitätsansatz, stellt der Integrationsansatz auf gesellschaftlicher dar. Der rückhaltlos positive Bezug auf Integration streicht die Ambivalenz dieser unter Bedingungen bürgerlich-kapitalistischer Vergesellschaftung durch. Geleugnet werden müssen die objektiven Widersprüche und Ausschlüsse, die diese Vergesellschaftungsweise notwendig in sich trägt, vor deren Hintergrund die Integration überhaupt erst stattfindet. Zu fragen wäre, in welchen Zusammenhang, in welches Ganzes, überhaupt der Einzelne wieder eingegliedert werden soll. Denn es sind ja gerade die Institutionen und Verhältnisse, die zuallererst die Desintegration herbeigeführt haben.
Desintegration ist die kapitalistische Form der Integration. Weil wir alle zunächst vom selbst produzierten Reichtum ausgeschlossen sind, mithin von den Produkten und Potenzen der Gattung, sind wir aus purer Selbsterhaltung aufs Kapital als unser Lebensmittel angewiesen und eingeschworen. Jeder Einzelne muss, um sein Leben zu fristen, eine Funktion auf sich nehmen und wird gelehrt zu danken, solange er eine hat. Der Integrationsimperativ preist uns nun nur noch mal an, woran wir uns zwecks Selbsterhaltung bei Strafe des Untergangs ohnehin halten müssen. Dem manichäisch-dichotomen Denken des Rassisten und Antisemiten gegenüber beschwört Integration nur dessen Kehrseite. Das Ganze, die Totalität anzubieten, verweigert die Anerkennung, dass diese Totalität antagonistisch ist und dem dichotomen Denken Vorschub leistet.
Der Desintegrationsansatz basiert auf einem Argumentationsschritt, der meiner Ansicht nach das zu Erklärende letztlich umgeht. Etwas praxisnah ausgedrückt, steckt hinter der Theorie die Vorstellung, dass Arbeitslosigkeit, Armut, mangelnde Ausbildung und Bildung, ungenügende Repräsentanz in Medien und Institutionen, desolate Familienverhältnisse etc. zu Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit führe, zur Abwertung anderer Gruppen. Der Berliner Psychologe Detlev Österreicher, der mit Heitmeyer einige Zeit zusammengearbeitet hat, hat sich dieses Verhalten folgendermaßen erklärt, und meiner Ansicht nach gibt er in etwa die Volksmeinung zu diesem Problem wieder: Das Motiv für autoritäres und rechtsextremes Verhalten sei Angst und Verunsicherung. Es handele sich um eine Flucht in die Sicherheit von Instanzen, von denen Unterstützung und damit ein Abbau der Angst erwartet wird. „Die autoritäre Reaktion ist eine Basisreaktion menschlichen Verhaltens“, so Österreich (Oesterreich 2001, 282). Dies könne man bei Kindern beobachten, die Halt bei den Eltern suchen, aber auch Erwachsene „sind gezwungen, autoritär zu reagieren, wenn sie Situationen gegenüberstehen, die sie überfordern“ (Oesterreich 2001, 283). Soziale Ohnmacht, Diskriminierung oder die Antizipation eines Statusverlustes seien psychisch bedrohlich, stellten das Selbstbild in Frage, bedrohten die Identität und aktivierten ein Bedürfnis nach Schutz, Sicherheit, Orientierung, Sinngebung, individueller Aufwertung. (vgl. ebd., 285). Und Österreich gibt uns auch gleich ein Beispiel: Die deutsche Vereinigung habe Identitätskrisen verursacht. Ostdeutsche hätten Probleme, sich mit der Bundesrepublik zu identifizieren, wären orientierungslos, welche Rolle Deutschland zukünftig in der Welt spielen würde und sähen ihre nationale Identität durch die europäische Integration gefährdet. Zudem habe „das Asylbewerberproblem 1991 bis 1993 ... eine rechtsextreme Lösung der Krise näher gelegt als eine linksextreme“ (alle Zitate Oesterreich 2001, 286).
Sie sehen, wie Rechtsextremismus hier rechtsextrem erklärt wird, und das von einem Autoren, der jahrzehntelang zum Autoritarismus geforscht hat. Der zu erklärende Schritt, warum jemand, der von sozialem Abstieg bedroht wird (nehmen wir für den Moment an, dass Antisemitismus sich auf diese sozialen Gruppen beschränken würde) den jüdischen Friedhof schändet, wird einfach anthropologisiert. Laut dieser Theorie wäre eigentlich eher der Fall, bei dem dieses Verhalten nicht zu beobachten ist, erklärungswürdig. Österreich möchte sich nicht fragen, warum sich erwachsene Menschen an kindliche Reaktionsmuster halten, wenn es um ihre Position und Rolle in gesellschaftlichen Zusammenhängen geht. Genau dies versucht die Theorie der autoritären Persönlichkeit näher zu beleuchten.
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